Berlin W.
Schreiter’sche Verlagsbuchhandlung.

Inhalt.

Seite
1. Kapitel:Der Geburtstag[1]
2. Kapitel:Der erste Schultag[8]
3. Kapitel:Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft[17]
4. Kapitel:Die Handarbeitsstunde[23]
5. Kapitel:Lehrstunden[28]
6. Kapitel:Ein Tag bei Alma[30]
7. Kapitel:Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer[42]
8. Kapitel:Schlimme Freundschaft[72]
9. Kapitel:Martha[79]
10. Kapitel:Ein Brief Almas an Aennchen[92]
11. Kapitel:Tagebuchblätter. Aus Aennchens Tagebuch[100]
12. Kapitel:Aus Marthas Tagebuch[108]
13. Kapitel:Marthas Hausgarten. Der arme Hansi[114]
14. Kapitel:Wintervergnügen und Eisabenteuer[122]
15. Kapitel:Klara[126]
16. Kapitel:Musikstunden[129]
17. Kapitel:Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr[134]
18. Kapitel:Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation[140]
19. Kapitel:Das Kränzchen[144]
20. Kapitel:Ein überraschender Besuch[150]
21. Kapitel:Schluß[157]

Erstes Kapitel.
Der Geburtstag.

Sie war ein niedliches liebes Mädchen, die kleine Anna, und wen sie mit ihren blitzenden Aeuglein und weißen Zähnchen anlachte, der mußte sie gern haben, trotzdem sie ein solch tüchtiger Wildfang war, welcher Haus und Hof fortwährend unsicher machte. Ihre Eltern bewohnten ein wundervolles Haus, das in einem großen schönen Garten lag, und da tummelte sich denn klein Annchen nach Herzenslust herum, kletterte auf die Bäume und spielte mit den kleinen Brüdern Verstecken.

»Das Kind wird uns zu wild, das muß ein Ende nehmen,« sprachen die Eltern. »Sie lernt gar nichts; die alte Kinderfrau wollte ihr kürzlich das Stricken zeigen, da zog sie die Nadeln aus den Maschen und spießte sie ihren Puppen in den Leib. – Ja, das that sie!«

Nun kam Aennchens Geburtstag heran, an dem sie sieben Jahre werden sollte; sie hatte sich schon lange darauf gefreut. Was ihr da wohl alles beschert werden würde? Sie hatte solch köstliche Wünsche: eine große, große Schaukel, ein Schaukelpferd, wie die Brüder es hatten, eine recht lange Peitsche und eine Trompete! Das waren freilich keine passenden Wünsche für ein kleines Mädchen, aber sie hegte sie doch.

Der Geburtstagmorgen kam heran, Aennchen wachte in aller Frühe auf, sie hatte ihn ja schier nicht erwarten können. Die Kinderfrau schlief noch, die kleinen Brüder schliefen noch und es war ihr streng verboten, sie zu wecken. Aber so lang still im Bette liegen, das war doch recht schwer! So erhob sie sich denn ganz leise, schlüpfte heraus und begann in ihrem Nachtkleidchen und bloßen Füßen auf Tisch und Stühlen herum zu turnen. Aber plumps, da gab es einen furchtbaren Spektakel, der Stuhl fiel um und klein Aennchen lag halb zerquetscht und betäubt darunter. Gleich eilte die erschreckte Kinderfrau aus ihrem Bett herzu und nun gab es zu allem Schrecken noch tüchtige Klopfe, dann wurde klein Aennchen wieder ins Bett gesteckt und mußte noch ein paar Stunden mäuschenstille liegen, bis sie endlich um sieben Uhr festlich angekleidet wurde, ihrem Geburtstag zu Ehren. Ein hellblaues Kleidchen mit weißen Schleifen und ein weißes Spitzenschürzchen bekam sie an, das wilde braune Lockenköpfchen wurde tüchtig gebürstet und gekämmt, dann durfte sie hinüber nach dem Frühstückszimmer laufen, wo bereits die Eltern und Geschwister versammelt waren.

Wie köstlich es nach Schokolade und Kuchen duftete, und wie lieb und freundlich alle sie umringten! Aber sie hatte nur Augen für die große weißgedeckte Tafel dort drüben, welche ganz mit Geschenken vollgebreitet war. Die Mama führte das Töchterchen selbst dahin und es hüpfte dabei vor Freude, blieb aber plötzlich ganz verwundert und schier erschrocken stehen.