Wo war die Schaukel? Wo das Schaukelpferd, die Peitsche, die Trompete? Keine Spur davon zu sehen! Aber inmitten des Tisches saß eine wunderhübsche Puppe, allerdings ganz unangekleidet, nur in ein Hemdchen gehüllt, auf einem Stühlchen; zu ihren beiden Seiten waren Kästen aufgestellt; der eine enthielt nichts als eine große Anzahl der verschiedensten Stoffreste, blaue, rote, weiße und schwarze, seidene und wollene, dann breite und schmale Spitzen und Bänder und Borten – kurz, es war das reine Putzwarengeschäft. Der andere Kasten war mit Faden und Wolle aller Art und jeder Farbe angefüllt, enthielt ein Nadelbüchschen und Fingerhut und Schere und noch eine Menge anderer Kleinigkeiten zum Nähen und Sticken. Ferner war ein niedliches weißes Strickkörbchen aufgestellt, darin lag ein großer rosenroter Wunderknäuel und ein Bund dicke Stricknadeln.
Vorn am Tisch aber lag ein nagelneues Bücherränzchen mit schönen Schnallen und Riemen, und auf dem Deckel stand der Name »Aennchen« schön gestickt und darunter »das fleißige Kind.« Das ganze Bücherränzchen war mit einer Menge nagelneuer Hefte und Bücher angefüllt, das Schönste aber war ein wunderhübscher Federkasten, in welchem Griffel und Bleistifte, Federn und Gummi und sogar ein kleines Messerchen enthalten waren. Eine schöne, neue Schiefertafel war auch zu sehen; diese hatte einen bemalten Rand, auf welchem allerlei hübsche und lustige Sprüchlein standen, wie: »Wer mit dem Griffel schreibet fein, das muß ein artig Mädchen sein!« und: »Wer fleißig seine Arbeit thut, dem sind die Menschen alle gut!« und ferner: »Geschrieben Wort ist Perlen gleich, ein Tintenklecks ein böser Streich!«
Alle diese schönen Dinge waren in bunter Reihe auf den Tisch gebreitet, dazwischen Teller mit Bonbons und Kuchen, und jedes artige Kind wäre beim Anblick all’ dieser Herrlichkeiten vor Freude wohl hoch gesprungen.
Unser Aennchen aber nicht! Wie vom Schreck gerührt stand sie da, als sie keinen ihrer Lieblingswünsche erfüllt sah, und konnte es kaum noch fassen, da trat die Mama zu ihr und sprach:
»Siehst Du, mein Aennchen, für welch großes artiges Mädchen wir dich jetzt halten, daß wir dir alle die schönen Sachen zum Geburtstag beschert haben? Du bist jetzt sieben Jahre alt geworden, also mußt du auch anfangen, recht fleißig und vernünftig zu werden, und die wilden Spiele, welche sich nur für Buben schicken, aufgeben. Die reizende Puppe haben wir dir mit Absicht nicht angekleidet, damit du selbst die Freude haben sollst, hier aus diesen hübschen Stoffen und Spitzchen schöne Kleiderchen zu verfertigen. Der Wunderknäuel in diesem Körbchen ist mit einer Menge süßer Bonbons gefüllt und auf dem Grund desselben ein kleines Geheimnis verborgen; wenn du daher recht fleißig stricken lernen willst, so wirst du immer eine Freude und Ueberraschung dabei haben. – Das Bücherränzchen mit all den vielen Heften und Büchern aber wird dir wohl das größte Vergnügen gewähren und du darfst es bald benützen, denn von morgen an darfst du die Schule besuchen.«
»In die Schule soll ich!« rief Aennchen erschrocken aus und starrte die Mama ungläubig an; als diese aber ganz ernsthaft mit dem Kopfe nickte, da wurde sie förmlich außer sich; sie warf sich der Länge nach auf den Boden und schluchzte und schrie:
»Nein, ich will in keine Schule kommen! ich mag in keine Schule!«
Das war ein ganz abscheuliches Betragen für ein kleines Mädchen, noch dazu für ein Geburtstagskind! Ganz entsetzt standen die Geschwister und starrten das böse Schwesterlein am Boden an, und der Papa, welcher bis jetzt nichts mitgesprochen hatte, runzelte zornig die Stirn und trat vor. Aber die Mama ergriff ihn am Arme und bat:
»Laß du mich heute allein mit Aennchen verhandeln. Ich will sie nicht gleich schlimm strafen, weil ja ihr Geburtstag ist, aber es wird ihr schon Strafe genug sein, wenn sie nicht mit uns frühstücken darf, sondern ihre Schokolade und Kuchen ganz allein verzehren muß.«
Damit hob sie das noch immer weinende Kind vom Boden auf und führte es hinüber nach dem kleinen Kämmerchen, welches das »Trutzstübchen« geheißen wurde, denn hieher wurde immer jedes unartige Kind geschickt, das eine Strafe abzubüßen hatte. Im ganzen Stübchen stand nichts als ein einziger kleiner Tisch und ein Stuhl. Wie viele Stunden hatte das wilde Aennchen hier schon abbüßen müssen; niemals aber schien es ihr so schmerzlich zu sein als gerade heute an ihrem Geburtstag, auf den sie sich schon so lange gefreut hatte.