So saß sie denn mit strömenden Thränen vor ihrer großen Schokoladentasse und hielt ihr duftendes Stück Kuchen in der Hand; all die herrlichen Rosinen und Mandeln, die darauf gestreut waren, vermochten sie nicht zu trösten; sie schluchzte und schluchzte und jammerte vor sich hin. Ach, und sie schämte sich so sehr, gerade heute bestraft worden zu sein – das war doch noch keinem der Geschwister am Geburtstag passiert, und sicherlich würde sie Bruder Fritz, der auch schon in die Schule ging, noch tüchtig damit necken.

Eine Stunde später steckte die Mama den Kopf zur Thüre herein und sah sich nach ihrem Aennchen um. Dieses saß mit ganz dickverweinten Augen auf seinem Stuhl und als es die Mutter sah, streckte es die Arme aus und fing von neuem an, bitterlich zu weinen.

»Wie steht es denn mit dir, Aennchen – willst du jetzt wieder artig sein?« fragte die liebe Mutter und hob das Töchterchen sanft empor. Dieses schlang seine Aermchen um ihren Hals und flüsterte:

»Ja, liebe Mama! ich bitte um Verzeihung, daß ich so böse gewesen bin.«

»Und willst du jetzt auch gern in die Schule gehen, liebes Kind?«

»Ich will es versuchen,« kam die Antwort sehr langsam und leise aus Aennchens Mund hervor. Die Mutter setzte sich auf den Stuhl, nahm ihr Töchterchen auf den Schoß und sprach mit freundlichem Ernst:

»Ja, mein Liebling, versuche es und du wirst sehen, daß es nicht so schlimm ist, sondern im Gegenteil dir bald ausnehmend gefallen wird. Denn wenn du darüber nachdenkst, so wirst du selbst einsehen, daß ein Leben, wie du es bis jetzt geführt hast, nicht ewig so fortgehen kann. Du bist schon ein kräftiges Mädchen, doch kannst du weder stricken noch lesen, noch rechnen und schreiben. Nun denke nur daran, wohin das führen würde, wenn es so fortginge; du müßtest dich ja vor jedem Menschen schämen, so unwissend zu sein, denn es giebt niemand, der nicht auch etwas lernen muß, und wenn sich alle so sträuben würden, so gäbe es wohl nur lauter unwissende Menschen, die ein Abc wüßten und kein Buch lesen könnten und keinen Strumpf stricken. Gelt, das wäre schrecklich? Damit aber kleine Kinder schon im richtigen Alter, wo ihnen das Lernen leicht wird, alles gelehrt bekommen, was nötig ist, sind die Schulen errichtet worden. In diesen Schulen giebt es eine Anzahl gar lieber Lehrer und Lehrerinnen, welche alle die vielen kleinen Nichtswisser um sich scharen und unterrichten im Lesen, Schreiben und Rechnen und sie noch eine Menge anderes lehren und ihnen vom lieben Gott erzählen. Jedes Kind, das gern zu ihnen kommt, haben sie lieb und üben Geduld mit ihm, bis das kleine Köpfchen alles begriffen hat, aber über die bösen und faulen betrüben sich die lieben Lehrer, und wenn sie gar nicht folgen wollen, dann gibt es Strafe. Willst du nun zu den artigen Kindern oder zu den bösen und faulen gehören, mein Aennchen?«

»Ich will zu den artigen gehören, Mama,« erwiderte Aennchen, welches aufmerksam zugehört hatte und jetzt ganz still mit leuchtenden Augen dasaß.

»Das ist brav, mein Kind,« lobte die Mama, »und dafür darfst du heute den letzten Tag der Freiheit noch recht nach Herzenslust genießen. Lauf nur schnell hinunter nach dem Garten; die Geschwister warten schon auf dich.«

Wie nun das kleine Aennchen lief, als ob sie vom Wind getragen würde! Die Treppe hinab und den Hausflur entlang in einem Husch hinaus zum Garten und unten vom Rasen her hörte sie schon rufen: