Kaum hielt der Wagen vor der Pforte des Schlosses, da flatterte schon eine zarte, in rosenrote duftige Stoffe gehüllte Mädchengestalt daraus hervor und dem Gaste entgegen.

»Willkommen, Liebling, willkommen!« rief sie und hing sich an Aennchens Hals; beinahe zerdrückte sie bei ihrer heftigen Umarmung das große Rosenbouquet, welches Aennchen als Geburtstagsgruß für sie in der Hand hielt, und Aennchen wagte kaum mehr, es ihr zu bieten, denn es kam ihr jetzt so armselig vor, weil die ganze Umgebung des Schlosses hier wie ein einziger blühender Rosengarten erschien und Alma selbst das reizendste Rosenkränzchen im goldenen Haar trug. Diese nahm die Blumen dann auch ziemlich gleichgiltig hin, war jedoch von bezaubernder Liebenswürdigkeit gegen ihren kleinen Gast und führte Aennchen gleich die mit vergoldetem Gitterwerk gezierte Freitreppe des Schlosses hinauf in einen reizenden Salon, wo eine vornehme Dame in weißem Kleid nachlässig auf einem Ruhebett lag. Sie reichte dem schüchtern errötenden und ängstlich knixenden Aennchen freundlich die Hand und sprach einige gütige Worte; dann aber hielt sie die zarte weiße Hand an die Stirn und sprach auf französisch zu Alma:

»Führe deine Freundin fort, mein Kind – ihr macht mich nervös bei der Hitze. Zu Mittag sehen wir uns wieder.«

Sie winkte noch einen gnädigen Gruß und dann verließen die Mädchen das Zimmer.

»Nun will ich dir vor allem meine Geburtstagsbescheerung zeigen,« sprach Alma und flog Aennchen voran die Treppe empor zu einer Reihe von glänzenden Gemächern. Das eine davon war Almas Wohnzimmer, welches mit deren Schlafzimmer und dem Zimmer für die Gouvernante in Verbindung stand. Annchen wußte sich vor Staunen nicht zu fassen; bei ihr zu Haus war es doch sicher recht schön, aber eine solche Pracht hatte sie noch nicht gesehen. Ueberall, wohin sie blickte, Seide und Samt, Gold und kostbare Zierraten. Das Schlafzimmerchen Almas war wie eine kleine Muschel mit rosa Atlas bis zur Decke ausgeschlagen und das Bettchen glich mit seinen seidenen Kissen und Spitzenvorhängen einem wahren Feenlager. Auf dem großen Tisch des Wohnzimmers und überall auf umherstehenden Stühlen war eine solche Masse herrlicher Geschenke ausgebreitet, daß Aennchen sie anfangs gar nicht zu überblicken vermochte; da gab es Puppen und Puppenwagen und prächtige Bilderbücher, Spielzeug und einen reizenden Ziegenbockwagen und neue Kleider, kurz, was man sich nur denken kann.

Aennchen schwindelte fast beim Anblick aller Herrlichkeiten, Alma aber sah ganz gleichgiltig aus und meinte:

»Die meisten dieser Geschichten langweilen mich; nur der Ziegenbockwagen macht mir Freude. Wir werden nachher mit ihm fahren.«

»Darfst du denn alles thun, was du willst?« frug Aennchen.

»O ja! so ziemlich,« antwortete Alma. »Ich habe zwar leider eine Gouvernante zur Aufsicht, die mir das Leben recht sauer macht. Sie ist eine Französin und versteht kein Wort deutsch, aber ich werde schon mit ihr fertig.«

Aennchen wurde ganz ängstlich zu Mute. »Eine Französin?« fragte sie, »wo ist sie denn?«