»Sie hat heute den ganzen Tag Urlaub erhalten, ich habe Mama darum gebeten,« lachte Alma. »Mama thut mir alles zuliebe, nur darf ich sie nicht stören und zu laut in ihrer Gegenwart sein. Sie wollte auch durchaus nicht erlauben, daß ich in die abscheuliche Schule geschickt werde, aber mein Papa ist so streng; der hat darauf bestanden, weil er sagt, ich hätte zu wenig Respekt vor meinen Lehrern zu Hause. Und so sehr ich mich anfangs sträubte, ich mußte dennoch gehorchen.«

»Wenn du nicht in der Schule wärst, hätte ich dich nicht kennen gelernt,« sagte Aennchen, »also bin ich doch froh, daß dein Papa darauf bestanden hat.«

Die beiden Freundinnen umarmten sich, dann führte Alma ihren Gast in einen kleinen Eßsalon und ließ dort Schokolade und Kuchen und süßes köstliches Obst für sie auftragen. Wie herrlich Aennchen das alles mundete! sie glaubte noch nie so gut gespeist zu haben.

Dann aber zog die unruhige Alma sie wieder fort in den Garten und von da nach den Stallräumen. Hier schien der kleinen Schloßherrin liebstes Revier zu sein, denn sie kannte alle Pferde und alle streckten ihr grüßend die Köpfe entgegen. Sie kletterte vom Rücken des einen zum andern und forderte Aennchen auf, es nachzumachen, diese aber wich ängstlich zurück. Mit dem Stallburschen, welcher helles Riemenzeug glänzend putzte, schien sie auf dem besten Fuß zu stehen; sie zupfte ihn an seinen struppigen strohgelben Haaren, nahm ihm die kurze Stummelpfeife aus dem Mund und versteckte sie, ehe er es sich versah, in dem Heukasten.

»Nun mag der Michel schauen, wo er sie wiederfindet,« flüsterte sie hinter seinem Rücken Aennchen zu, welche ganz stumm vor Erstaunen über das seltsame Betragen dabeistand.

»Nun aber zum Ziegenbock! Ich habe den Wagen schon herüberschaffen lassen,« rief Alma. Sie rannte Aennchen voran nach dem kleinen Stall und zerrte einen großen weißen langhaarigen Ziegenbock hervor. Ein kleiner Bursche, welcher in blaue Livree gekleidet war und gelbe Stulpstiefeln trug, war beim Anschirren des Bocks an den Wagen behilflich; dann stiegen die beiden Mädchen auf; Alma riß dem Burschen, welcher zum Kutschieren aufspringen wollte, die Peitsche aus der Hand und fuhr blitzschnell mit dem kleinen Gefährt davon. Der Ziegenbock sprang und Alma jauchzte; Aennchen aber wurde es beinahe ängstlich zu Mut und schüchtern bat sie: »Alma, sei doch nicht so stürmisch, wir könnten herausfallen.«

»Du wirst dich doch nicht fürchten, kleiner Hasenfuß,« lachte Alma übermütig und hieb immer stärker auf den Ziegenbock ein. Das mochte diesem aber doch nicht gefallen und er begann störrig zu werden, zerrte den Wagen nach rechts und nach links und blieb dann bockbeinig stehen. So sehr Alma zerren und reißen mochte, er rührte sich nicht, da hob sie die Peitsche zu einem so heftigen Schlag aus, daß der Bock einen Sprung machte; die beiden Mädchen wurden aus dem Wagen geschleudert, fielen aber zum Glück so weich auf einen Heuhaufen, daß sie keinen Schaden erlitten; der Bock aber rannte mit dem reizenden kleinen Wagen über Stock und Stein davon, daß alles in Stücke sprang und nach allen Seiten hin die Räder und Kissen auseinander flogen.

Als sich die Kinder betäubt emporrichteten, waren von dem ganzen neuen Wagen nichts mehr als Trümmer zu sehen; den Bock hat ein Gärtnerbursche eingefangen und führte den Widerstrebenden soeben nach seinem Stall.

Aennchen war vor Schreck ganz blaß und zitterte an allen Gliedern.

»O weh, was werden deine Eltern sagen, wenn sie es erfahren?« jammerte sie.