Alma sah auch ziemlich verdrossen aus. »Papa wird freilich etwas zanken,« meinte sie, »aber wenn ich Mama vorklage, wie sehr ich selbst erschrocken bin, dann nimmt sie mich schon in Schutz. Diesem abscheulichen Bock aber will ich es noch vergelten; er soll drei Tage nicht genug zu fressen kriegen. Für uns ist jetzt Tischzeit, es hat schon geläutet und wir müssen uns erst noch die Hände und Gesicht waschen, bevor wir ins Speisezimmer dürfen.«

Damit führte sie Aennchen wieder nach dem Schlosse zurück und als sich die beiden Mädchen gesäubert und geordnet hatten, traten sie in einen wundervollen Speisesaal ein, in welchem Almas Mutter bereits mit einem großen stattlichen Herrn zu Tische saß und voll Ungeduld die beiden erwartete. Es waren vier Gedecke auf die große lange Tafel gelegt, welche mit einem großen silbernen Tafelaufsatz und einer Menge Weinflaschen und Kristallschalen bedeckt war. Hinter jedem Stuhl stand ein Diener in blauer silbergestickter Livree; sie standen alle so steif wie von Holz und Aennchen war vor Schüchternheit und Staunen über all die Pracht die kleine Kehle beinahe zugeschnürt. Sie konnte gar keinen Genuß an all den köstlichen Speisen haben, welche in langer Reihenfolge angeboten wurden und von denen sie sich selbst nach Belieben auf den Teller füllen mußte. Wie schwer vermochten ihre kleinen ungeschickten Hände damit umzugehen und wie bewunderte sie im stillen Alma, welche mit solcher Leichtigkeit die schweren silbernen Bestecke handhabte. Die herrlichen Braten und Puddings hätten ihr zu Hause an der gemütlichen Familientafel gewiß das höchste Entzücken bereitet – hier konnte sie vor lauter Angst keinen Genuß daran finden und wünschte nur immer, die Tafel möchte bald zu Ende sein. Denn es ging so still und förmlich zu, daß kaum ein Wort von den Anwesenden gewechselt wurde, selbst Alma wagte unter den strengen Blicken des Vaters kaum laut zu sprechen. Zuletzt füllte er allen die Gläser mit roten funkelnden Wein und sprach:

»Wir wollen jetzt auf die Gesundheit unserer Tochter trinken.« Darauf stießen sie alle zusammen an, aber es geschah ganz ernst und steif.

»Ach,« dachte Aennchen für sich, »wie gemütlich ist es doch bei uns zu Hause im Gegensatz zu hier, wenn wir es auch nicht so schön haben.«

Gegen das Ende der Tafel richtete Herr von Stolzau das Wort an Alma und fragte:

»Hast du schon dein neues Gefährt probiert und ist es gut gegangen?«

»Ganz gut,« log Alma und stieß Aennchen unter dem Tisch mit dem Fuße an, sie solle nichts verraten. Aennchen saß da wie mit Blut übergossen und das Herz schlug ihr zum Zerspringen; sie atmete hoch auf, als nun die Hausfrau das Zeichen zum Aufbruch gab und den Kindern die feine Hand zum Kuß reichte.

»Unterhaltet euch gut diesen Nachmittag,« sagte sie freundlich –

»Und macht keine dummen Streiche,« setzte der Vater hinzu; dann durften die Mädchen das Zimmer verlassen.

Kaum waren sie draußen, begann Aennchen verstört Alma zu fragen: