»Aber Alma, wie konntest du eine solche Unwahrheit sagen und den Unfall verschweigen, der uns mit dem neuen Wagen passierte?«
»Sprich nicht so laut, Närrchen,« erwiderte Alma rasch und legte der Freundin den Finger auf den Mund. »Ich werde doch nicht die Thorheit begehen und mich selbst bei Papa anklagen, was er ohnedies noch früh genug erfahren wird. Du hast keine Ahnung, wie furchtbar böse er sein kann, und ich darf ihn schon Mamas wegen nicht reizen, welche immer gleich angegriffen wird. Sie muß ihre Kräfte für die Gesellschaften aufsparen und ich darf immer nur kurze Zeit um sie sein. Dann ist sie freilich lieb und gütig gegen mich, aber ich werde ihr bald zur Last.«
»Wie merkwürdig!« staunte Aennchen sinnend. »Meine Eltern haben vier Kinder und doch dürfen wir immer bei ihnen sein und werden ihnen nie zuviel. Arme Alma, du thust mir leid; es ist so schön, von Papa und Mama geliebt zu werden. Glaubst du nicht, etwas mehr Vertrauen deinem Vater gegenüber würde diesen mehr erfreuen und milder stimmen?«
»Ich weiß es nicht und scheue den Versuch,« antwortete Alma kurz; dann brach sie das Gespräch ab und forderte Aennchen auf, zum Spielen mit in den Park zu kommen. Und gar bald hatten die leichtherzigen Kinder alles Ernste vergessen und gaben sich mit voller Lust dem Vergnügen hin. Von einem Spielplatz eilten sie zum andern; von der Schaukel zum Krocketspiel und als sie an den großen klaren Fluß kamen, an welchen der Park grenzte und an dessen Landungsplatz ein reizender, weiß und grün gestreifter Kahn in den Wellen schaukelte, da rief Alma fröhlich:
»Wir wollen eine Kahnpartie machen und ich rudere dich bis zum andern Ufer auf die kleine Insel hinüber.« Dabei stieg sie in den Kahn und winkte mit ihrem Taschentuch einem vorüberfahrenden Schiffe zu.
»Aber darfst du denn allein rudern?« frug Aennchen zweifelnd.
»Nun, es ist mir zwar nicht gerade erlaubt, aber da Mademoiselle nicht da ist, so kann es uns niemand verbieten.«
»Aber ich wage es doch nicht, mit dir zu fahren, wenn es verboten ist.«
»Schäme dich, du Hasenfuß!« rief Alma zornig und stampfte mit dem Fuße, »du willst mir wirklich nicht das Geringste zulieb thun; das nenne ich eine schöne Freundschaft.« Sie wandte sich schmollend ab. Das konnte aber Aennchen nicht ertragen; freundlich schlang sie den Arm um ihren Hals und versicherte, ihr alles zu liebe thun zu wollen; dann stieg sie versöhnt zu der Freundin in den Kahn. Alma ergriff ein Ruder und gab Aennchen das zweite in die Hand, indem sie ihre Freundin lehrte, es zu gebrauchen. Das war keine leichte Arbeit und es gab viel Scherz und Lachen, wenn Aennchen so ungeschickte Bewegungen machte. Alma wurde immer übermütiger; zuletzt erhob sie sich im Kahn und begann, ihn heftig zu schwanken. Das aber beängstigte Aennchen, der es vom Schaukeln übel wurde, und halb weinend rief sie:
»O Alma, halt ein, es dreht sich alles mit mir herum.« Dies schien aber gerade dem übermütigen Mädchen rechten Spaß zu machen und noch heftiger schaukelte sie den Kahn hin und her. Da – ein lauter Schreckensschrei aus Aennchens Brust – dieses hatte den Halt verloren und stürzte kopfüber mitten ins Wasser. Mit großen entsetzten Augen starrte Alma schreckensbleich auf die leere Stelle im Kahn und in das unruhig wogende Wasser, dann schrie sie laut um Hilfe.