»Kommt nur ohne Scheu näher! Ihr werdet euch doch nicht vor der Großmutter fürchten, weil sie so klein und alt ist. Wartet nur, sie wird euch sicher willkommen heißen.«
Dann preßte sie ihren roten Mund an das rechte Ohr der Großmutter und rief ihr ins Ohr:
»Großmütterlein, wir haben Gäst’ bekommen, feine Gäst’! Dort an der Thür stehen sie und trauen sich nicht heran, obgleich der Einsiedel sie mit mir geschickt hat!«
»Ei, ei, ist das wirklich wahr?« murmelte die Alte und wackelte mit dem Kopf, während sie die Kinder mit ihren kleinen klugen Augen wohlgefällig betrachtete; »sind wirklich feine Kinder und wenn sie der Einsiedel uns geschickt hat, dann sollen sie auch willkommen sein.«
Und sie streckte die runzliche Hand den Kindern entgegen, welche etwas zögernd einschlugen; dann fuhr sie weiter fort: »Wollt ihr eine Suppe mit uns essen? Wenn sie nicht zu gering für euch ist, dann sollt ihr gerne geladen sein.«
Damit öffnete sie die Thür in ein niedriges Stübchen, dessen Hauptraum von einem breiten hochgetürmten Bett mit grünen Vorhängen und einem Kachelofen eingenommen war. Weiter stand noch eine Bank und ein Lehnstuhl vor einem alten Tisch, daneben ein Spinnrad, und zwei große alte Katzen mit fünf niedlichen Jungen kugelten übermütig auf den Dielen herum. Kaum hatte Resi die dampfende Suppe auf den Tisch gestellt, kamen sie alle heran und die Kleinen steckten neugierig ihr Näschen an die Schüssel – die Alte aber wehrte mit dem Kochlöffel und rief:
»Wartet nur, ihr kleines Gesindel! heut seid ihr nicht die Hauptpersonen, denn wir haben vornehme Gäste bekommen und erst, wenn diese satt sind, kommt an euch die Reihe.«
Sie reichte Alma und Aennchen zwei Holzlöffel und forderte sie auf, zuzugreifen, was diese sich auch nicht zweimal sagen ließen, denn sie fühlten heute erst so recht, daß sie gestern keine wirkliche Mahlzeit genossen hatten, und so schmeckte ihnen die derbe Suppe, welche nur aus gebranntem Mehl und Wasser bestand, wirklich ganz gut. Während des Essens scherzten sie mit den kleinen Kätzchen, welche sich wirklich hier für die Hauptpersonen halten mochten, denn sie wagten sich an alles heran, sprangen der Alten und den Kindern auf die Schultern und Köpfe, und als sie dann endlich die halbgeleerte Schüssel zu ihrer freien Verfügung bekamen, da begann eine Balgerei und ein Gekugel um die ersehnte Speise, daß den Mädchen vor Lachen die Thränen in die Augen traten, während die Alte mit höchst drolligem Ernste immer mit ihrem Löffel Frieden zu schließen versuchte. Resi aber stand jetzt vom Tisch auf und rief:
»Nun darf ich aber nicht mehr länger zögern, euch zu unserem Schulmeister zu bringen, wie mir der Einsiedel befohlen hat, der wird dann schon weiter für euch sorgen.«
Und so verabschiedeten sich dann die Mädchen von der freundlichen Alten, welche ihnen mit ihren Katzen noch bis vor die Thür das Geleit gab und so lange mit dem Kopfe wackelte, bis die Kinder ihren Augen entschwunden waren. Die Mädchen aber schritten mit Resi auf der Dorfstraße weiter bis zu dem Schulhaus, welches freilich ganz anders aussah als das ihrige in der Stadt. Denn dieses hier war ein niederes einstöckiges Haus, in einem kleinen Vorgarten gelegen und von unten bis oben mit grünen Reben bewachsen, so daß selbst die Fenster teilweise überwuchert waren. Was man aber aus diesen Fenstern vernahm, das ließ doch recht deutlich auf eine Schulstube schließen, denn ein lauter Chor gemischter Buben- und Mädchenstimmen schien im gleichen Takt das ABC aufzusagen – abcdefghiklmnop, und die Stimme des Lehrers schallte oft verweisend laut dazwischen.