So machten sich denn alle auf den Weg. Resi hüpfte mit ihrer Ziege voran und dann folgten die beiden Freundinnen, von dem Einsiedelmann zu beiden Seiten geführt. Sie waren längst ganz zutraulich gegen den gütigen alten Mann, welcher ihr ganzes Herz gewonnen hatte und ihnen von seinem Leben in der Einsamkeit erzählte. Er berichtete ihnen, daß er nun schon seit zwanzig Jahren hier oben in der Einsamkeit hause und sein ganzes Leben dem Dienst des lieben Gottes gewidmet habe. Nur selten komme er den Hütten der Menschen nahe und das sei stets dann, wenn er zu Kranken und Sterbenden gerufen werde, welche seines Rates bedürfen; aber wer zu ihm komme und seine Hilfe begehre oder nach seinen Kräutersäften verlange, dem stehe er immer gern mit allen Kräften bei.
»Der Einsiedel ist ein heiliger Mann, sagt die Großmutter; er ist so gut wie der liebe Gott,« sprach die kleine Resi, indem sie ihr braungelocktes Köpfchen rückwärts wandte und andächtig zu dem alten Manne aufsah; dieser wehrte scherzend mit der Hand, dann zog ein wehmütiges Lächeln um seine Lippen und er sprach gedämpft:
»Ein heiliger Mann bin ich nicht, sondern nur ein armer sündiger Mensch, welcher Gott zu dienen strebt mit seinen schwachen Kräften!«
Sie waren nun an dem Weg angelangt, welcher auf eine betretene Straße führte, und hier schied der Einsiedelmann von seinen Gästen, indem er ihnen freundlich die Hand reichte und sie ermahnte, nicht mehr so leichtsinnig und unfolgsam zu sein. Die Mädchen dankten dem gütigen Greis aus vollem Herzen und Aennchen neigte sich über seine Hand, dieselbe zu küssen; das aber wehrte er freundlich lächelnd ab und drückte ihr einen leisen Kuß auf die Stirn; darauf verschwand er so rasch, daß die beiden sich ganz verdutzt anblickten, bis Resi ihnen zurief:
»Nun müßt ihr euch aber sputen, denn ich habe mich schon tüchtig versäumt und Großmutter wird schelten, wenn ich nicht bald nach Hause komme.«
Und bergabwärts flogen nun die drei im raschen Lauf, bis sie ein freundliches Dörfchen vor sich liegen sahen und Resi stolz mit dem Finger darauf hinwies:
»Seht, da bin ich zu Hause!«
Etwas abseits vom Dorf stand ein winzig kleines weißes Häuschen mit gelbem Strohdach. Aus dem niedern Schornstein stieg eine leichte Rauchsäule in die blaue Luft und Resi rief erschrocken:
»Herrje! jetzt hat die Großmutter sich rein das Feuer selbst angezündet zur Suppe kochen, weil es ihr mit mir zu lang gedauert hat. Nun muß ich aber laufen, soviel ich kann.«
Und sie ließ ihre Geis mit dem Stricke fahren, welche selbst recht vergnügt meckernd ihren Weg zu finden schien, denn sie sprang mit dem Kind um die Wette zum Häuschen hinauf. Alma und Aennchen blieben, als sie dasselbe erreicht hatten, höchst erstaunt stehen, denn etwas so Winziges hatten sie noch nie erblickt, als das kleine Haus, welches mehr einer Puppenwohnung als einer menschlichen Wohnung glich. Die niedere Hausthür schien gerade nur für ihre eigene Größe passend zu sein und als sie durch dieselbe zögernd eingetreten waren, da mußten sie unwillkürlich an das Märchen von Hänsel und Gretel denken und es begann ihnen etwas zu grauen. Denn über den niedern rauchenden Herd gebückt, stand ein kleines steinaltes Mütterlein auf seine Krücke gelehnt und rührte mit einem Stecken in einem dampfenden Topf; die braune Resi aber stand mit Reisern beladen daneben und warf eines um das andere in das lodernde Feuer. Sie begann herzhaft zu lachen, als sie die verdutzten Gesichter der ängstlich dastehenden Kinder sah, und rief munter: