Höchst neugierig folgten die Mädchen dem alten Mann aus der Hütte durch die kleine Kapelle hinaus ins Freie. Erst jetzt waren sie imstande, wahrzunehmen, wie wundervoll es doch hier oben war. Die ganze kleine Kapelle lag wie in einem Bett von wilden Rosen, welche ihre Ranken bis hoch zu dem alten Türmchen erstreckten. Noch zitterten die Regentropfen wie Tau in all den blühenden, duftenden Kelchen und eine Schar von kleinen muntern Vögelchen hüpfte auf dem Gezweig hin und her.

»Nicht wahr, bei mir oben kann’s euch gefallen?« fragte der freundliche Greis die staunenden Mädchen, dann setzte er die Finger an den Mund und rief durch die hohle Hand: »Resi, Resi, wo bleibst du?«

Da kam etwas den Berg heraufgehüpft und zwischen den Steinen hervorgeschossen – ein kleines krausgelocktes, dunkelgebräuntes Mädchen in rotem Röckchen und weißem Hemde mit bloßen Armen und Schultern; sie führte eine meckernde Ziege nach sich; als sie aber die fremden Gäste erblickte, stand sie plötzlich still und steckte den Finger in den Mund.

»Komm näher, Resi; wirst dich doch nicht schämen vor meinen kleinen Gästen?« ermunterte der alte Mann, »wir sind ja schon lange hungrig und warten auf das Frühstück, das du uns bringen sollst; nun zeige auch, was du kannst.«

Er holte den alten Krug, welchen er mit klarem Quellwasser ausgespült hatte, herbei und reichte ihn dem Kinde; im Nu kniete dieses bei der Ziege nieder und begann, diese zu melken, bis der Krug ganz bis zum Rande mit köstlich schäumender Milch gefüllt war; nun bot ihn die Kleine, dunkelrot vor Verlegenheit, dem alten Mann dar und wandte sich in einem Husch zum Davonlaufen.

»Halt, halt, du kleine Hexe!« rief der alte Mann und hielt das Kind scherzend bei den Stirnlocken fest. »So schnell entkommst du uns heute nicht! Du mußt erst an unserm Frühstück teilnehmen und die Hausfrau bei meinen kleinen Gästen spielen, denen du dann später den Weg zum Dorf hinunter zeigen kannst.«

Und er zog die kleine Resi mit hinein in das Gemach, wo er die aufgestellten Schalen mit der frischen Ziegenmilch füllte und seinen Gästen darbot. So herrlich wie diese Milch hatte ihnen noch selten etwas gemundet und mit einem wahren Hochgenuß schlürften sie den köstlichen Trank. Die braune Resi lachte vor Freude, daß alle ihre weißen Zähnchen durch die roten Lippen blitzten, als sie sah, welche Ehre ihrer Ziege angethan wurde, und sie vergaß alle Schüchternheit darüber, so daß sie zuletzt sogar von selbst zu sprechen und zu erzählen anfing.

»Gestern hab’ ich aber ’was geseh’n, Vater Einsiedel, das hätt’ ich mir in meinem ganzen Leben nit träumen lassen,« berichtete sie mit höchst wichtiger Miene. »Lauter so feine Fräuleins, wie diese zwei da, wohl an dreißig Stück, in lauter wunderschönen Kleidchen, in grünen und roten und blauen, mit gerad so feinen weißen Gesichtern und weißen Händchen, die sind im Wald mit einem Mann dahergekommen und haben so schön und hell gesungen wie die Engelein. Ich bin hinter einem Baum gestanden und hab’ sie vorüberziehen sehen und hab’ Augen und Ohren aufgesperrt vor lauter Freud’ über all’ die vielen schönen Fräuleins.«

»Das war unsre Klasse mit dem Herrn Lehrer,« riefen Alma und Aennchen in einem Ton, und wie aus einem Mund setzten sie langsam hinzu: »ach, was wird Herr Müller gesagt haben, als er uns nicht mehr im Wirtshaus vorfand!«

»Ja, euer armer Lehrer thut mir wirklich leid,« sprach der Einsiedelmann ernst. »Jedenfalls muß er nun so rasch als möglich benachrichtigt werden, daß ihr nicht verloren gegangen seid; darum ist es wohl das beste, wenn ihr euch sogleich auf den Weg nach dem Dorfe macht. Resi kann euch die beste Führerin sein und ich werde euch ein Stückchen begleiten!«