Alma und Aennchen krochen wie zwei gebadete zitternde Mäuschen aus ihrem Versteck, welches ihnen wohl Schutz vor den ärgsten Unbilden des Sturmes, aber nicht vollständig vor den Regenfluten geboten hatte, und nun waren die beiden stark durchnäßt und von Aennchens neuem rotem Kleidchen floß eine rote Brühe zu Boden nieder. Die Hüte hatten alle beide verloren, sie dachten auch nicht daran, ihnen nachzusuchen; ihr ganzes Streben war nun darauf gerichtet, in dieser Einsamkeit eine lebende Menschenseele zu finden. Ach, sie konnten es sich nicht länger verhehlen, der Abend war wirklich hereingebrochen, denn die Sonne hatte sich nach einigen letzten Strahlen nun ganz in ihrem Wolkenbette schlafen gelegt und eine graubleierne Dämmerung begann sich über die Erde auszubreiten.

Mit zitternden Knieen und erblaßten Wangen begannen Aennchen und Alma Hand in Hand die weiten Hallen zu durchwandern, immer in der Hoffnung, auf eine menschliche Spur zu stoßen. Ganz am Ende der großen Ruine blieben sie plötzlich erstaunt stehen, eine kleine, alte halbverfallene Kapelle lag mit weitgeöffneter Pforte vor ihren Blicken. Vor dem Altarbild drinnen brannte eine kleine Lampe mit friedlichem Schein, droben am geborstenen Turme hing ein Glöcklein, dessen Strang bis tief zur Erde reichte. Von der Kapelle aus führte eine niedere Thüre in einen kleinen niedern Raum, welcher auf menschliche Bewohner schließen ließ, wenn er auch höchst unvollkommen und notdürftig mit den allernotwendigsten Gegenständen ausgestattet war.

An der niedern Steinbank zog sich eine schmale grobgehauene Holzbank hin, vor welcher ein ebensolcher Tisch angebracht war. Auf dem Tisch lag ein Stück grobes schwarzes Brot und ein halbzerbrochener Krug stand daneben; in der Ecke war von duftendem Heu ein Lager aufgeschichtet, eine graue Wolldecke lag daneben und oben von der Wand blickte als seltsamer Schmuck und doppelt überraschend in dieser Einsamkeit ein kunstvolles silbernes Kruzifix herab.

Die verirrten Kinder betraten voll Angst und Zagen den kleinen Raum und wähnten sich wie verzaubert. »In wessen Hütte mögen wir geraten sein?« frugen sie leise und ängstlich und sie betasteten vorsichtig Tische und Bänke, um sich zu überzeugen, ob es kein Traum sei, was sie vor sich sahen. Aber als das grobe Stück Brot in ihre Hände geriet, da konnten sie dem Verlangen nicht widerstehen, ihren nagenden Hunger damit zu stillen, und zagend brachen sie ein Stückchen ums andere davon ab, sich damit zu laben. Dann wankten sie todmüde auf das Heulager in der Ecke und legten sich nieder – sie waren zu erschöpft, um sich noch Gedanken darüber zu machen, ob sie sich in fremdem Eigentum befanden, die Natur behauptete ihr Recht, denn sobald sie nur das weiche Lager erreicht hatten, fielen ihnen auch schon die müden Augen zu und sie entschlummerten eng und warm aneinandergedrückt in das Traumland hinüber. – –

Sie mußten wohl ohne Unterbrechung die ganze Nacht durchgeschlafen haben, denn als sie am andern Morgen erwachten, schien die Sonne mit goldnem Schein hell durch das kleine scheibenlose Fensterchen in das Gemach hinein. In stummer Verwunderung blickten die verschlafenen Mädchen ihre fremdartige Umgebung an, in welcher sie sich erst gar nicht zurechtzufinden vermochten; ein Schrei des Erstaunens aber rang sich von beider Lippen, als sie plötzlich einen hohen uralten Greis vor sich stehen sahen, der sie mit sinnenden Augen betrachtete. Silberweißes glänzendes Haar floß in langen Locken ihm von den Schultern herab und ein ebensolcher Bart lag in dichten Wellen auf der braunen Kutte weit bis über den Gürtel, welchen ein einfacher Strick bildete, herunter. Ein sanftes schönes Greisenantlitz und gütig-milde Augen blickten die kleinen erstaunten Mädchen an, während die sanfte Stimme des fremden Mannes frug:

»Was für fremde Vögelchen haben denn heute nacht Schutz in meinem Nest gesucht und es sich auf meinem Lager bequem gemacht, während ich nicht zu Hause war? Sagt Kinder, wie kommt ihr hierher in diese Einsamkeit?«

Nun fiel den beiden verwirrten Kindern erst wieder der ganze Zusammenhang ihres Schicksals ein und die Schrecken des gestrigen Tages stellten sich wieder vor ihre Seele. Ach! und sie hatten sich alles selbst zuzuschreiben durch ihren Leichtsinn und ihren Ungehorsam; aber wie schlimm waren sie bestraft worden! Mit stockender Stimme, oft durch Thränen unterbrochen, klagten sie dem fremden Greise ihr Schicksal, sie verschwiegen nicht, wie sie selbst Schuld daran trugen, und der gütige Mann hörte sie ohne Unterbrechung an – nur zuweilen schüttelte er den Kopf.

»Da seid ihr ja recht unartig gewesen – ei – ei,« sagte er zuletzt und strich sich langsam den glänzenden wolligen Bart, »und all den Schrecken, welchen ihr dafür ausgestanden habt, den hat euch der liebe Gott zur Strafe geschickt. Und da ihr nun genug durch ihn selbst bestraft seid, wollen wir nichts mehr hinzufügen, sondern wollen nur dem lieben Gott danken, daß er euch wenigstens gesund erhalten hat und nicht hat krank werden lassen in all den Gefahren, welchen ihr ausgesetzt gewesen. Nun wollen wir gute Freunde sein, da wir doch einmal auf so seltsame Weise zusammengekommen sind und ich so überraschende kleine Gäste erhalten habe. Steht nur auf und macht etwas Toilette, dann nehmen wir alle zusammen unser einfaches Frühstück ein; meine kleine Aufwärterin wird gleich erscheinen.«

Rasch erhoben sich die beiden Mädchen vollends von ihrem Lager und zupften die Heuhalme von ihren Kleidern. Dann zeigte der alte Mann ihnen, wo sie sich durch Waschen erfrischen konnten, und als sie dann frisch gereinigt, mit glattgestrichenen Haaren wieder erschienen, da hatte der alte Mann inzwischen drei Schüsselchen auf den Tisch gestellt und drei Schnitten Brot dazu gelegt und sprach nun zu seinen Gästen:

»Kommt jetzt, wir wollen sehen, wo meine kleine Hofköchin heute bleibt, die uns das Frühstück besorgen soll.«