Und den Blick herniederneigen

In das Thal, erfüllt von Duft,

Auf die friedlich stillen Hütten,

Auf des Stromes Silberband,

Und dann rufen laut inmitten:

Schön bist du, mein Vaterland!«

»Ist es wirklich so schön?« frug Aennchen neugierig, welche ängstlich dahergehinkt kam; dann deutete sie auf eine schwarze Wolke, welche pfeilschnell auf die Sonne zugeflogen kam: »Sieh doch Alma, wie unheimlich das aussieht.«

»Es wird doch kein Gewitter geben?« frug Alma nun auch rasch erschrocken, und ängstlich blickte sie dem Spiel der Wolken zu, welche sich nun innerhalb weniger Minuten immer drohender gestalteten. In kurzer Zeit war der ganze Horizont mit dichten schwarzen Wolkenmassen überzogen und ein heftiger Sturmwind begann laut heulend über die Erde hinzufegen.

Entsetzt flüchteten die erschreckten Kinder in die Ruine zurück und schrieen laut um Hilfe, aber natürlich verhallte ihr Ruf ungehört und sie kauerten zuletzt, ängstlich aneinandergeschmiegt, in einer Ecke zusammen, während sie mit entsetzten Augen die Vorgänge um sich her beobachteten. Und auch andere als junge Kinderherzen hätten wohl geschaudert beim Anblick eines so furchtbaren Orkans, wie er sich hier in rasender Schnelligkeit entfesselte. Der Himmel hatte sich so dicht verfinstert, daß man kaum mehr die Hand vor den Augen sah, und nur wenn die breiten, zuckenden Blitze am Himmel aufflackerten, beleuchteten sie mit greller Tageshelle die entfesselte Natur. Mit unheimlich dumpfem Dröhnen folgte der Donner jedem aufzuckenden Blitz und das Echo der Berge gab den schauerlichen Klang verzehnfacht zurück. Und nun begann plötzlich ein solch heftiger Regen niederzuprasseln, als ob alle Schleusen des Himmels sich mit einem Schlage geöffnet hätten; es waren keine Bäche, sondern wahre Regenflüsse, welche sich, mit Hagelschauern vermischt, mit unbarmherzigem Grimm herniedergossen, und den beiden verlassenen Kindern, welche gleich zwei todesbangen Vögelchen in ihrem Zufluchtsort kauerten, schien das Ende der Welt gekommen. Keines wagte laut zu atmen oder sich zu regen; die Furcht schnürte ihnen die kleinen Kehlen zu; entsetzt horchten sie auf das Rollen des Donners, das Rauschen der Regenfluten, und als sie beim Aufzucken eines langen blendenden Blitzes ganz nahe ihrem Zufluchtsort die großen runden Augen eines Käuzchens erblickten, welches sich wohl höchst erstaunt die fremden menschlichen Gäste zu betrachten schien, da schrieen sie vor Entsetzen laut auf und klammerten sich noch fester aneinander.

Aber das Gewitter verschwand so rasch, als es gekommen war; selbst der Regen hielt nicht lange mehr an und bald war es in der Natur wieder so ruhig und friedlich, als ob das Ganze nur ein böser Traum gewesen wäre. Nur die Zerstörungen ringsum zeigten an, daß der grausame Sturm wirklich hier gehaust hatte; ein junger Eichbaum war von oben bis unten vom Blitz zerspalten und seine verkohlten Aeste hingen abgestorben zu Boden – mehrere Säulen lagen in Trümmern geborsten und die abgerissenen Epheuranken flogen weit umher und in den Ritzen des alten Gemäuers hatten sich überall kleine Seen von Regenwasser gebildet, welche nun langsam rieselnd zu Boden sickerten.