»Ich habe noch Schokolade im Körbchen, aber beim Himmel, wo habe ich dieses? Hast du es nicht gesehen, Aennchen? Bei der Quelle habe ich es ganz sicher noch gehabt und auch das Geldtäschchen.«

»Dann hast du es unterwegs verloren beim Beerensuchen,« versetzte Aennchen erschrocken, »wir wollen doch rasch umkehren und nachsehen.«

»Aber wir wissen ja den Weg nicht mehr, den wir gekommen sind,« meinte Alma kläglich, »laß uns lieber wenigstens vorwärts eilen, daß wir doch aus dem Walde kommen. Es scheint mir, als ob es endlich doch lichter um uns würde.«

Wirklich hatte Alma recht, die Bäume standen weniger dicht zusammen und dazwischen brachen Lichtstrahlen freundlich herein. Die beiden Mädchen atmeten wie befreit auf; es wurde ihnen eigentlich jetzt erst klar, daß sie sich zuletzt doch recht ängstlich gefühlt hatten, und sie glaubten, es sei nun alles gewonnen, als sie das helle Licht des Tages wieder erblickten und aus dem Waldesbereiche hervortraten.

Aber wo waren sie? An einem vollständig unbekannten Orte! Ohne daß sie es bemerkt hatten, mußten sie eine hohe Anhöhe erstiegen haben und vor ihnen, auf dem Gipfel derselben, lag die Ruine eines alten Klosters. Kein lebendes Wesen zeigte sich ringsum, die Mädchen aber strebten dennoch, die verlassenen Hallen zu erreichen in der Hoffnung, noch jemanden zu entdecken. Es ging freilich jetzt nur noch mit mäßiger Eile vorwärts, Aennchen hatte sich an einer starken Baumwurzel, die über den Weg lag, den Fuß übertreten und hinkte mühsam vorwärts und Alma fühlte sich auch recht matt und zerschlagen. Denn es mußten doch schon viele Stunden vergangen sein, welche sie umhergewandert waren; zwar stand die Sonne noch am Himmel und eine große Hitze herrschte noch in der ganzen Natur; aber es war die drückende Schwüle, welche einem Gewitter voranzugehen pflegt, und auch die Vöglein ringsum schienen dies zu ahnen, denn sie schwirrten unruhig hin und her und die Schwalben schossen tief am Boden hin.

Die Mädchen hatten die Anhöhe erreicht und betraten eine weite Halle, durch deren geborstenes Dach der Himmel hereinblickte. Hohe Bogengänge, aus mächtigen Säulen gebildet, standen in langen Reihen die Halle entlang; viele der Säulen waren geborsten oder lagen gestürzt am Boden, wuchernder Epheu und anderes Gerank war dazwischen emporgewachsen, selbst junge Bäume hatten sich den Weg zwischen dem Gestein gebahnt und trieben nun mit frischem Grün daraus empor – es war wie ein Kampf zwischen Werden und Vergehen, zwischen Leben und Tod; doch das Leben und Werden hatte den Sieg behalten über Tod und Vergehen.

Die beiden jungen Menschenkinder ergriff beinahe ein heimlicher Schauer in dieser großartigen menschenverlassenen Einsamkeit, und mit ängstlich klopfenden Herzen betraten sie die weiten Räume. Aennchen ließ sich erschöpft auf einer geborstenen Säule nieder, während die keckere Alma darüber hinauskletterte, um Umschau zu halten, wo sie sich eigentlich befanden. Ein Ausruf des Entzückens drängte sich von ihren Lippen, als sie auf der Höhe stand und die Blicke hinabgleiten ließ, denn welche wundervolle Aussicht bot sich ihren Blicken!

Weit, weit hinein ins Land konnte sie sehen bis zu den Spitzen der fernsten Berge; zu ihren Füßen dehnte sich ein tiefblauer köstlicher See aus, darüber erhob sich ein grüner Berg, welcher mit einem stolzen Schloß gekrönt war, die Wolken zogen in fliegender Eile den blauen Horizont entlang – es war ein geradezu wunderbares Bild, und Alma war so ergriffen von dem Anblick, daß sie mit jauchzender Stimme zu singen begann:

»Auf die Höhen möcht ich steigen

In die freie Bergesluft