»Es thut mir leid, daß die beiden sich durch ihre Unmäßigkeit um das schönste Vergnügen gebracht haben,« sagte er kopfschüttelnd, »aber ich kann ihretwegen den Spaziergang der andern nicht aufschieben.«
Alma und Aennchen brachen in Thränen aus und beteuerten, sich wohl genug zu fühlen, um auch weiter wandern zu können, aber ihre bleichen Wangen straften sie Lügen und Herr Müller erklärte, dies nicht zu erlauben; er befahl ihnen im Gegenteil, sich den ganzen Nachmittag vollständig ruhig zu verhalten und nicht vom Hause zu entfernen; gegen Abend würde er dann wieder mit den andern Schülerinnen kommen, sie abzuholen; zum Heimweg sollte dann die Bahn benutzt werden, damit jede weitere Ermüdung vermieden werden könnte. Und nachdem der Lehrer die beiden Patientinnen nochmals der Frau Wirtin empfohlen hatte, entfernte er sich mit den andern Schülerinnen, welche durch die Rast und das Mahl neu gestärkt mit frischen Kräften und fröhlichem Sinn den Weg nach dem Walde antraten.
Alma und Aennchen saßen mit hängenden Köpfchen und trübseligen Mienen währenddem drin in der dumpfen Kammer der Wirtin und jammerten über ihr Schicksal. Die gute Frau ging ab und zu und kochte ihren jungen Gästen einen kräftigen Thee, welchen diese wohl mit sehr sauren Mienen verschluckten, der ihnen aber so ausnehmend wohl für den Magen that, daß sie sich bald völlig frei von Unwohlsein fühlten und den Wunsch aussprachen, sich nun auch auf den Weg zu machen, welchen die andern gegangen waren.
»Aber der Herr Lehrer hat doch befohlen, daß die beiden Jungferchen ihn hier erwarten sollen?« meinte die Wirtin ängstlich, als sie die Absicht der beiden wahrnahm. »Ich kann’s wirklich nicht erlauben, daß Sie fortgehen. Bei mir ist’s ja auch recht schön draußen im Garten, wir haben Hühner und Geisen und Bienenstöcke, da giebt’s genug zu sehen für so junge Fräuleins.«
»Gut, so sehen wir uns diese an,« gab Alma zu und folgte der Wirtin aus der Stube; kaum aber hatte die gute Frau den Rücken gewandt, flüsterte sie Aennchen ins Ohr: »Wir thun eben doch, was wir wollen und folgen der Wirtin nicht. Ich hole nur rasch mein Körbchen und die Hüte noch herbei, dann machen wir uns heimlich auf den Weg. Es wird uns schon glücken, die andern einzuholen, und wenn Herr Müller dann sieht, wie gut es uns geht, wird er sicher nicht schelten, daß wir nachgekommen sind.«
Aennchen horchte nur zu gern auf den Rat der Freundin, rasch suchte sie ihre sieben Sachen zusammen, wie Alma es geboten, dann verließen die zwei Mädchen durch ein Hinterthürchen gleich Dieben das Haus der freundlichen Wirtin und eilten mit raschen Schritten die Landstraße entlang. Es war ihnen ein Leichtes, die Spuren ihrer Mitschülerinnen aufzufinden, welche sich in unzähligen kleinen Abdrücken in dem weichen Sand zu erkennen gaben; der Weg leitete nach einem schönen großen Wald hin und in übermütiger Eile schritten die beiden Ausreißer demselben entgegen. Schon nahm ein hohes grünes Waldesdach die Mädchen freundlich auf und wie herrlich, wie köstlich war es hier!
Die Sonne, welche da draußen in beinahe sengenden Strahlen unbarmherzig herniedergebrannt hatte, vermochte hier kaum die dichten grünen Zweige zu durchdringen und nur zuweilen brach ein glänzender Schein hindurch und zitterte auf dem weichen Moos, welches sich wie ein dichter Teppich zu Füßen der hohen Bäume ausbreitete. Ein kräftiger Duft von Waldkräutern und Blumen drang von der Erde empor, kleine Quellchen rieselten mit vertraulichem Plätschern den Boden entlang und blaue Vergißmeinnichtchen neigten sich darüber hin – es war ein köstliches Bild und den beiden jugendlichen Wanderern ging das Herz auf vor Entzücken.
Sie warfen sich bei einem Quellchen ins Moos und tranken von dem erquickenden Naß, badeten ihre erhitzten Wangen und Hände darin, ja zuletzt lösten sie sogar Schuhe und Strümpfe von den Füßen und kühlten dieselben in der Flut. Dann pflückten sie von den umher blühenden Vergißmeinnicht einen großen Strauß und als sie dabei auch noch sogar reife Erdbeeren entdeckten, da kannte ihre Freude keine Grenzen. Wohl eine ganze Stunde brachten sie damit zu, sich recht viele der köstlichen Beeren zu pflücken und den größten Teil derselben gleich zum Munde zu führen, endlich aber fiel es Aennchen wieder ein, daß sie ja ganz darauf vergessen hatten, ihren Mitschülerinnen auf den Weg nachzufolgen, und sie erinnerte Alma daran, daß es höchste Zeit sei, aufzubrechen. Rasch wurden die Hüte wieder aufgesetzt und nach den Sträußchen gegriffen und nun ging’s wieder vorwärts – aber welche Richtung sollte man einschlagen? Sie waren ja während des Pflückens so tief in den Wald geraten, daß sie gar nicht mehr wußten, von welcher Seite sie hergekommen waren. Nirgends zeigte ein betretener Pfad den Weg ins Freie, denn überall standen Bäume, dichte Büsche und wucherndes Farnkraut eng aneinander gedrängt, so daß die Mädchen sich oft kaum hindurchzuwinden vermochten.
Aber es war ihnen nicht bange; sie hatten beide eine gute Portion Leichtsinn von der Natur geerbt und so hatte dieses Wandern in der Irre nur einen neuen Reiz für sie. Immer größer wurden die Sträuße, welche die beiden pflückten und kaum mehr in den Händen zu halten vermochten, die Botanisierbüchsen wurden mit Käfern und Eidechsen gefüllt und so beladen suchten sie dazwischen wieder nach dem Ausgang. Ja, du lieber Gott, der zeigte sich noch immer nicht, obgleich der Weg jetzt beinahe steil bergan zu führen begann, so daß deutlich zu erkennen war, daß man sich auf einer Anhöhe befand.
»Wie spät es wohl sein mag?« bemerkte Aennchen, jetzt doch ängstlich werdend. »Es kommt mir vor, als wäre es schon etwas dunkler geworden und ich bin trotz der vielen Beeren, welche ich gegessen habe, schon wieder hungrig, aber meine Vorräte sind aus.«