Die meisten Mädchen folgten des Lehrers Rat und wünschten sich, während sie auf den Bänken nach Belieben Platz nahmen von der umhergehenden Wirtin einen Teller warmer Suppe; als die Wirtin aber zu Alma und Aennchen kam und frug:

»Hier darf ich wohl auch Suppe bringen?« da rief Alma, sich schüttelnd:

»Brrr, das wäre schön, wenn wir heute uns auch mit so abscheulicher Suppe plagen sollten, wo wir doch endlich einmal thun und lassen können, was wir wollen. Nein, Frau Wirtin, meine Freundin und ich wünschen uns nur Käse und Bauernbrot mit Butter; bringen Sie uns für einen Thaler Käse und für einen Thaler Bauernbrot.«

Die Wirtin sperrte vor Erstaunen die Augen weit auf.

»Für einen Thaler Käse und einen Thaler Schwarzbrot?« rief sie verwundert, »das kann dem Jungferchen doch unmöglich Ernst sein, denn das wäre ja so viel, daß ein halbes Hundert Kinder satt davon werden können. Ihr habt wohl nur einen Scherz mit mir machen wollen?«

Alma hatte freilich nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen; sie sah nun aber doch ein, daß sie etwas recht Ungeschicktes vorgebracht hatte in ihrer Unkenntnis mit Geldangelegenheiten; jetzt suchte sie ihre Verlegenheit so gut als möglich zu verbergen, indem sie mit vornehmer Miene befahl:

»Bringen Sie uns eben recht tüchtige Portionen Käse und Butterbrot – ich werde sie dann bezahlen – auch saure Milch wünschen wir dazu.«

Und während dann die Schulmädchen alle sich die kräftige Brotsuppe und danach eine Portion Fleisch und Gemüse trefflich schmecken ließen, saßen Alma und Aennchen bei ihren ersehnten Genüssen, denen sie nicht gerade in mäßiger Weise zusprachen. Sie hatten sich ein möglichst verborgenes Eckchen ausgesucht, damit man sie nicht beobachten konnte, und fühlten sich so glücklich und vergnügt wie die Könige bei ihrem Mahle.

Aber der Schaden blieb nicht aus und ihre Unmäßigkeit rächte sich bald, zumal sie zwischen den Käse und das Schwarzbrot hinein saure Milch und Schokolade und Früchte naschten; denn noch hatten sie den letzten Bissen nicht verzehrt, da wurde es den beiden mit einemmale furchtbar übel und sie fingen vor Magenschmerzen laut zu stöhnen an. Mit totenbleichen Gesichtern und großen verglasten Augen saßen die zwei Freundinnen auf der Bank, während sich die anderen Mädchen neugierig um sie scharten und der Herr Lehrer sich von der Wirtin über das Mahl, welches die beiden eingenommen hatten, berichten ließ. Da konnte er freilich leicht begreifen, daß sie sich den Magen verdorben hatten, und er ordnete an, daß sie in das Schlafzimmer der Frau Wirtin gebracht wurden, um sich dort von ihrem Unwohlsein zu erholen, während er mit den andern Mädchen den Spaziergang weiter fortsetzen wollte.