– Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt’!
Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht –
Es giebt so manche Straße, die nimmer ich passiert,
Es giebt so manchen Wein, den nimmer ich probiert!«
Das war ein gar köstlicher Marsch in der hellen Morgenluft über die herrlichen grünen Wiesen, auf welchen so unzählige Blümlein, weiße und rote, blaue und gelbe, blühten und von denen die Mädchen schon am liebsten recht viel gesammelt und in ihre Botanisierbüchse gesteckt hätten, wenn der Herr Lehrer nicht gemahnt hätte: »Es kommt alles noch besser und schöner. Wir haben einen großen Wald zum Ziel und kommen an einem See vorüber, da werdet ihr jubeln vor Freude, denn so etwas Schönes habt ihr schwerlich je gesehen.«
Der Herr Müller war heute selbst so glücklich und vergnügt wie seine kleinen Schülerinnen alle, er scherzte mit ihnen, die sich zu ihm heran drängten, führte bald die eine, bald die andere bei der Hand und gab ihnen gern auf alle Fragen, die sie an ihn richteten, bereitwillig Auskunft und Antwort. Da vergingen die Stunden, ehe man es sich versah, und die kleinen Reisenden kamen gar nicht dazu, eine Ermüdung zu spüren. Sie passierten mehrere Dörfer und wo sie vorüber kamen, da liefen die Leute und Kinder zusammen und hatten ihre Freude an den vielen kleinen fröhlichen Mädchen, welche so lustig singend vorüberzogen. Die Sonne fing freilich mit jeder Stunde mehr an zu glühen, die Bäckchen wurden heiß und die Schritte der Wandernden träger; gar manches der Mädchen hatte schon heimlich ins Körbchen gegriffen und von dem mitgenommenen Imbiß genascht, besonders Aennchen und Alma hatten sich ihre Vorräte schon tüchtig schmecken lassen, aber nun meldete sich der Durst und noch war weit und breit das Wirtshaus nicht zu sehen, in welchem der Herr Lehrer mittags zu rasten gedachte.
Die Kinder seufzten: »Der Durst! o, der böse Durst!« Herr Müller aber tröstete: »Um so köstlicher wird euch dann die Erquickung munden, ihr durstigen Schelme. Gewöhnt Euch nur ein wenig an Strapazen, das kann euch später einmal gut thun.« Und nun begann er, ihnen die Geschichte von einem Handwerksburschen zu erzählen, was dieser alles auf seiner Wanderschaft durch die weite Welt zu erdulden gehabt hatte, wie er mit bloßen blutenden Füßen und leerem hungrigen Magen oft tagelang herumirren mußte, und das Herz der kleinen Hörerinnen war so voll von Aufmerksamkeit und Mitleid, daß sie ihre eigene Erschöpfung ganz vergaßen und ehe sie es sich versahen, vor einem großen ländlichen Wirtshaus standen, das, von einem grünen schattigen Garten umgeben, in friedlicher Ruhe dalag. In dem Garten, welcher freilich mehr ein Grasplatz zu nennen war, standen eine Menge hölzerner Tische und Bänke in langen Reihen unter großen weitästigen Lindenbäumen – soeben trat die Frau Wirtin aus dem Haus und mit vergnügten Knixen dem Herrn Lehrer entgegen.
»Nun, Frau Wirtin, haben Sie für einen guten Imbiß gesorgt, wie ich Ihnen geschrieben habe?« rief Herr Müller. »Ich bringe Ihnen dreißig hungrige Mäulchen, welche alle gesättigt sein wollen.«
»Ei freilich, Herr Lehrer, habe ich dafür gesorgt,« rief eifrig die Wirtin, welche sich höchst geschmeichelt fühlte. »Die jungen Fräuleins dürfen nur bestellen, was sie am liebsten wünschen – ich habe Suppe und Fleisch und Schinken mit Kraut und Butter und Käse, Milch und Kaffee. So brauchen sie sich nur zu wählen.«
»Also Kinder, bestelle sich jedes nach Belieben,« ordnete Herr Müller an – »ich rate aber jeder vor allem zu einem Teller warmer Suppe, das ist jedenfalls das Gesündeste vorderhand.«