Natürlich bestand der Denkzettel in einem Gruß der Rute und laut aufheulend setzte sich Hansjörg wieder auf seinen Platz. Nun wollte der Lehrer es mit Rechnen versuchen, er schrieb große Zahlen an die Tafel und diese mußten die Kinder zusammenaddieren. Einige waren darunter, welche ganz flink damit umzugehen vermochten, aber dann gab es leider auch eine ganze Anzahl in der Art von Hansjörg, welche dem Schulmeister den hellen Schweiß auf die Stirne trieben, so daß er endlich ganz erschöpft innehalten mußte.
»Herr Lehrer, es hat elf Uhr geschlagen draußen!« rief ein größerer Junge und sprang von seiner Bank auf.
»Halt, du Naseweis, wirst wohl warten können, bis ich selbst ein Ende mache,« rief der Herr Lehrer ärgerlich – »jetzt sollst gerade du heut’ der allerletzte sein, der aus der Schule hinaus darf. Ihr anderen geht jetzt sachte und ohne Geschrei von dannen, auf daß kein weiteres Aergernis entstehe.«
Nun drängten sich die Kinder alle mit Ungestüm durch die engen Bänke zur Thüre hinaus – die Buben knufften die Mädchen, wenn sie vor ihnen das Freie zu erreichen strebten, und der arme geplagte Herr Lehrer kam noch zu keiner Ruhe, denn kaum waren sie draußen, so guckten die Kecksten wieder durch die kleinen Fenster herein voll Neugier die fremden Stadtmädchen anstarrend und ihre Bemerkungen laut austauschend:
»Hört, die sind aber fein!« »Habt ihr die schönen Schuhe gesehen, die sie anhaben?« »Die Eine hat gar ein goldenes Ringerl am Finger.«
Nun aber stürzte der Schulmeister mit der Rute zur Thüre hinaus, man hörte noch ein paar Weherufe, dann stob der ganze Schwarm auseinander und der alte Mann kehrte erschöpft zurück. Nachdem er sich etwas ausgeschnauft hatte, rief er die harrenden Mädchen zu sich und sprach:
»Wollet mir nun folgen, liebe Kinder, daß ich euch zu dem Herrn Pfarrer bringe, welcher am besten wissen wird, wie ihr nach Hause kommen sollt.«
Und so führte er die beiden nach dem Pfarrhaus; da stand der Herr Pfarrer gerade in seinem Gärtchen und besah sich die reifen Beeren. Der Lehrer nahm den Pfarrer beiseite und setzte ihm den Sachverhalt auseinander; da machte sich dieser sogleich nach dem Telegraphenamt auf, um dort ein Telegramm an Herrn Müller aufzusetzen, welcher gestern schon, als er seine Schützlinge vermißte, seine Adresse mit der Bitte zurückgelassen hatte, ihm doch, sobald dieselben aufgefunden seien, Nachricht zu geben.
Und nachdem das Telegramm abgegangen war, kam der Herr Pfarrer ganz atemlos zurückgelaufen:
»Sputet Euch, liebe Kinder – es geht gerade ein Zug ab nach der Stadt, den könnt ihr noch erreichen.« So ging es denn im raschen Lauf der kleinen Bahnstation zu, dort wurden Alma und Aennchen, ehe sie es sich versahen, in ein Koupé gehoben und ihnen zwei Billets in die Hand gedrückt.