»Nun gebt ein andermal besser acht und grüßt mir meinen werten Kollegen in der Stadt!« rief der Schulmeister noch; seine grauen Locken flogen im Winde, da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung und entführte die Mädchen im pfeilschnellen Lauf.
Ganz verdutzt saßen sich Aennchen und Alma auf den weichen Koupékissen gegenüber; sie hätten geglaubt, geträumt zu haben, wenn ihre äußere Verfassung ihnen nicht zu deutlich gezeigt hätte, daß sie alle die Abenteuer wirklich erlebt hatten. Denn ach, wie sahen sie aus! Beide hatten ihre Hüte verloren, die Kleider hingen ihnen von dem gestrigen Regen verwaschen und zerknittert herab, Aennchens neues rotes Kleidchen hatte seine ganze Farbe eingebüßt und hing ihr in braunroten Streifen von den Gliedern. Almas Körbchen und Geldtäschchen waren verschwunden, nur die Botanisierbüchsen hatten beide noch, aber sie hatten diese längst ihres krabbelnden und zappelnden Inhalts entleert und so brachten sie nichts weiter nach Hause zurück als ein recht böses Gewissen.
»Was wird der Herr Lehrer sagen – und was meine Eltern?« jammerten sie um die Wette und keine wußte mehr ein Trostwort vorzubringen – da fuhr auch schon der Zug auf den wohlbekannten Bahnhof ein und voll Angst gewahrten die beiden jungen Passagiere auf dem Perron schon die wohlbekannten Gesichter des Lehrers und der Eltern. In einiger Entfernung stand auch Almas elegante Equipage, des Zuges harrend, und soeben stieg ein schlanker Herr aus derselben und näherte sich dem Perron.
»O Gott, selbst Papa ist gekommen, mich abzuholen – Herr Müller hat wohl alles benachrichtigt!« stöhnte Alma schreckensbleich und lehnte sich zurück, aber schon war sie mit ihrer Gefährtin erblickt worden und die beiden Mädchen wurden von ihren Angehörigen aus dem Wagen gehoben. Aennchens Mutter stürzte auf dieses zu: »Gott sei Dank, daß du lebst und gesund bist!« rief sie schluchzend und umarmte stürmisch ihr Kind; sie sah ganz angegriffen aus, auch Herr Müller hatte bleiche Wangen, denn er hatte sich die ganze Nacht nicht wenig um das Schicksal seiner verloren gegangenen Schutzbefohlenen abgehärmt und selbst Herrn von Stolzau konnte man ansehen, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen war, als er sein Töchterchen wohlbehalten wieder vor sich erblickte. So fiel denn der Empfang für die leichtsinnigen Mädchen weit weniger schlimm aus, als diese gefürchtet und wohl auch verdient hatten, aber sie waren selbst so sehr vom Gefühl ihres begangenen Unrechts durchdrungen und baten auch so zerknirscht um Verzeihung, daß man ihnen eine weitere Strafe erließ, in der Annahme, daß sie durch die ausgestandene Angst und Gefahren schon genug gestraft worden seien.
Zu Hause angelangt, mußte Aennchen den aufhorchenden Eltern und Geschwistern natürlich alles haarklein berichten, was sie erlebt hatte, und als sie fertig war, da bat sie mit dringender Stimme: »Gelt, liebes Mütterlein, du erlaubst es, daß ich dem guten Einsiedelmann und der kleinen braunen Resi etwas zum Dank für ihre Hilfe sende? Alma hat auch schon denselben Gedanken gehabt und wir haben ausgemacht, dem Einsiedel ein Briefchen zusammen zu schreiben.«
Aennchens Mutter erlaubte es gern, denn sie war den beiden Rettern ja selbst sehr dankbar; darum ging nach wenigen Tagen ein Paket an Resi und den Einsiedel ab, darin war eine Menge schöner Dinge – für die kleine Resi ein neues rotes Röckchen und ein Samtmieder und einige nagelneue Hemdchen und Strümpfe und Schuhe; für die Ziege ein gelbes Glöckchen am rotseidenen Band und für die alte Großmutter eine Düte Kaffee und Zichorie und eine Düte Zucker und Butterbrezeln; für die fünf Katzen aber fünf niedliche kleine Halsbändchen.
Dem Einsiedelmann hatte Aennchens Mutter ein wunderschönes Gebetbuch gekauft; sie glaubte, das würde ihm doch die größte Freude sein, und Alma sandte ihm einen schönen neuen Wasserkrug, weil der seinige ja schon ganz gesprungen gewesen.
Wer beschreibt nun die Freude der Mädchen, als dafür nach wenigen Tagen ein Brief an sie beide ankam; er war auf ganz grobes Papier geschrieben und die langen Buchstaben standen nach allen Seiten, waren auch mit verschiedenen Klecksen und Schreibfehlern untermischt, aber er freute doch die Empfängerinnen nicht minder. Der Brief lautete:
»Liebe Stadtfräuleins! Der Einsiedel ist so gut und thut mir bei meinem Schreiben helfen, denn allein könnt’ ich’s nicht, wenn ich auch schon drei Jahre in die Schul’ geh’ – freilich immer noch in der unterst’ Klass’ – wir haben eben nur zwei und in die erste komm’ ich noch lang’ nicht, wenn ich auch gut aufpassen thu’ und mich besser anstellig zeig’ wie das Katerl, das neben mir sitzt und gar nix weiß, nicht das Geringste. Der Herr Lehrer ist auch recht gut gegen mich und sein Rütlein tanzt nicht so oft auf mir herum wie auf den andern. Aber was ich sagen wollt’ – ich schreib’ ja lauter falsches Zeug, denn der Brief ist doch dazu da, daß ich mich bedanken will für die große Freud’, die mir die Stadtfräuleins gemacht haben. Ich hab’s kaum glauben wollen, wie mir der Postsepp das große Paket gebracht hat, der hat aber gesagt: »Schau’, Resi, da steht ganz wirklich und wahrhaftig dein Nam’ d’rauf und du darfst’s getrost aufmachen.« Nein, aber die Freud’, wie ich’s dann wirklich gewagt hab’ und alle die herrlichen Sachen gefunden hab’! ich bin mir vorgekommen wie die Prinzessin aus dem Märchen, von dem die Großmutter mir immer so schön erzählt, und ich bin gleich in das schöne Hemdlein und rote Röckle und Mieder und die Schuhe und Strümpfe geschlüpft und alles hat mir ganz herrlich gepaßt und hab’ ausgeschaut wie eine leibhaftige Fee. So hat die Großmutter selbst gesagt und die weiß doch alles. Ach, die Großmutter! war das ein Glück und eine Seligkeit, wie sie den teuren Kaffee und Zucker und Zichorie gesehen hat; ihre Hände haben ganz gezittert und sie hat gesagt: »Schau, Resi, seit meiner Hochzeit hab’ ich nicht so viel Kaffee und Brezeln mehr beisammen gesehen, wo dies doch meine größte Freude ist, und ich hätt nie gedacht, daß mir’s im Leben noch einmal so gut werden thät. Jetzt schür’ aber gleich ein großes Feuer, denn ich will einen Kaffee kochen so dick, daß der Löffel darin stehen bleibt und so gut wie der Kaiser selbst noch keinen getrunken hat.« Und sie hat auch wirklich so einen gekocht und dann hab’ ich auch ein Schälchen und eine Brezel bekommen und unsere Kätzchen mit den schönen Halsbändchen sind um uns herumgesprungen, auch die Geiß hat mit ihrem neuen Glöckle zur Thür hereingeguckt und vor eitler Freude gemeckert. Dann bin ich mit ihr den Berg hinaufgestiegen und hab’ dem Einsiedel das schöne Gebetbuch und den Krug und Eure Briefe gebracht; dem sind die hellen Thränen vor Freude herunter gerollt und er hat gar nicht gewußt, über was er sich am meisten freuen sollt’. Aus dem schönen Krug haben wir gleich zusammen getrunken, und da hat’s noch tausendmal besser geschmeckt als aus dem alten; dann hat der Einsiedel das neue Buch mit dem schönen Einband genommen und mir Gebete daraus vorgelesen, daß mir’s ganz andächtig geworden ist, und dann haben wir zusammen ausgemacht, daß ich euch einen Brief schreiben sollte, und hier ist er. Nehmt nur die Kleckse nicht übel, daran ist nur die Tinte schuld, auf die Schiefertafel mach’ ich keine. Also adieu, liebe Stadtfräuleins, habt nochmals tausend Dank. Der Einsiedel grüßt und Großmutter grüßt und ich grüße.
Eure Resi.