Als Aennchen nachmittags spät in die Schule kam, herrschte in der ganzen Klasse große Aufregung. Herr Müller stand mit einer lebhaft erregten Dame in einer Ecke des Zimmers und nicht weit von den beiden stand Sarah Elich mit ganz dick verweinten Augen, die sie böse im Zimmer umherschweifen ließ. Die Mädchen flüsterten und kicherten alle zusammen, bis Herr Müller, nachdem die Dame das Zimmer verlassen hatte, ein Zeichen gab und sprach:

»Ich habe heute eine sehr traurige Erfahrung gemacht, die mich bitter kränkte. Eine eurer Mitschülerinnen, Sarah Elich hier wurde durch einen so abscheulichen Streich gefoppt, wie er nicht einmal in der Knabenschule vorkommen darf. Es wurden ihr heimlich entstellende Bilder am Hut und Ranzen befestigt und als Sarah dann ahnungslos durch die Straßen nach Hause ging, folgte ihr die Gassenjugend mit Spottgeschrei und Hohngelächter, so daß sich das erschreckte Mädchen ganz atemlos in ein Haus flüchten mußte, wo sie die Ursache jenes Aufsehens erst entdeckte. Wer hat der Armen nun diesen schlechten niederträchtigen Streich gespielt? Ich fordere jede von Euch auf, zu gestehen oder anzugeben, was sie darüber weiß!«

Herr Müller machte eine Pause und ließ seine Blicke forschend über alle Schülerinnen hinschweifen; als er Aennchens Augen traf, mußte diese schwer die Lider senken und fühlte dabei, wie sie über und über flammend rot wurde.

»Aennchen,« sprach Herr Müller ernst und ließ seinen durchdringenden Blick noch immer auf ihr ruhen, »du warst diejenige, mit welcher Sarah, nach ihrer Aussage, zuletzt noch im Gespräch verweilte. So mußt du unbedingt am ersten Bescheid wissen und ich frage dich ernstlich und dringend: Was weißt du von dem ganzen Streiche? Hast du ihn am Ende selbst verübt?«

»Nein, o nein, gewiß nicht!« rief Aennchen angstvoll, indem sie die Hand abwehrend ausstreckte, und ihre Augen zeigten solch aufrichtiges Entsetzen, daß Herr Müller ihr glaubte und freundlicher fortfuhr:

»Es freut mich, daß du nicht die Schuldige warst; aber vielleicht weißt du doch, wer es gethan hat; du und Alma von Stolzau, welche heute nicht in der Klasse erschienen ist, ihr beide waret zuletzt um Sarah beschäftigt. Weißt du vielleicht, ob Alma den Streich begangen hat?«

Es wurde Aennchen bei dieser Frage schwindelnd vor den Augen – wie gerne, o wie gerne hätte sie ihr schweres Herz erleichtert und gerufen: »Ja, Alma hat es gethan!« aber das durfte sie ja nicht, sie hatte Alma versprochen, sie nicht zu verraten; so stürzten Thränen aus ihren Augen, sie zitterte am ganzen Körper und rief angstvoll:

»Lieber, guter Herr Müller, fragen Sie nicht, fragen Sie, bitte, nicht – ich kann es nicht sagen!«

»Wenn ich es aber von dir fordere, so mußt du es gestehen!« rief Herr Müller, ernstlich böse und entschieden aus.

Aennchen jedoch gab keine Antwort, so sehr der Lehrer in sie drang; sie weinte nur immer heftiger und erklärte, nichts zu wissen. So unglücklich wie in diesem Augenblick hatte sie sich doch im Leben noch nicht gefühlt und dies alles durch die Schuld der bösen Freundin, welche sie noch dazu in der Stunde der Not im Stich gelassen hatte und einfach gar nicht erschienen war. Herrn Müller standen die Zornesadern auf der Stirn, als er seine Schülerin so verstockt fand, und mit bebender Stimme erklärte er, sie zur Strafe so lang jeden Tag nach dem Unterricht eine Stunde nachsitzen zu lassen, bis sie ein offenes Geständnis abgelegt habe.