Hierauf brach der Lehrer von der Sache ab und der Unterricht begann, von welchem Aennchen in ihrer trostlosen Stimmung freilich herzlich wenig vernahm.
Als die Uhr vier schlug, durften alle Schülerinnen den Weg nach Hause antreten. Herr Müller kam noch einmal auf Aennchen zu und sprach freundlich ernst:
»Bedenke dich wohl, Aennchen! Wenn du mir den gewissen Bescheid giebst, kann ich dir die Strafe erlassen und werde dir sogar meine Verzeihung angedeihen lassen.«
Aennchen schaute den gütigen Lehrer mit trostlosen leeren Blicken an, schüttelte den Kopf und – schwieg – da schritt er traurig und ernst hinaus. Auch die Mädchen hatten sich verzogen, eine nach der anderen, still war es im Zimmer, stille im ganzen Hause und alle die leichten Mädchenfüße, welche tänzelnd die Treppen hinuntergeglitten waren, verhallten nach und nach in der Ferne. Nun mochten auch die letzten das Haus verlassen haben, denn die alte Hausmeisterin stieg schwerfällig die Treppe herauf und schloß mit einem großen klappernden Schlüsselbund die Klassen eine nach der anderen ab. Auch zu derjenigen, in welcher Aennchen weilte, kam sie auf ihren großen Filzschuhen hergeschlürft und streckte den grauen Kopf zur Thüre herein, brummte dann aber, als sie die kleine zusammengekauerte Gestalt in der Ecke sah:
»Aha, noch ein kleines gefangenes Vögelchen; da darf der Käfig noch nicht ganz geschlossen werden!«
Aennchen hätte gar zu gern auf die Alte zustürzen und sie anflehen mögen, bei ihr zu bleiben in dem großen stillen Zimmer; allein sie hegte große Scheu vor der strengen Frau, welche schon oftmals gescholten hatte, wenn sie mit von der Straße beschmutzten Füßen über die frischgereinigten Treppen hinaufstürmen wollte, ohne sich vorher gehörig abzustreifen. So lauschte sie angstvoll, bis die Tritte der Alten langsam wieder verhallten, und nun kam das Gefühl der Einsamkeit erst recht beängstigend über sie. Sie wagte kaum zu atmen und sich in dem Gemach umzusehen, das ihr in seiner Verlassenheit so ganz verändert erschien, und doch mußte sie mit starren Blicken immer auf die lange Reihe der leeren Bänke vor sich hinschauen und auf die große bunte Landkarte an der Wand.
Und dann mußte sie wieder an zu Hause denken, welche Angst wohl ihre liebe Mama empfinden würde, wenn das Töchterlein nicht zu gewohnter Stunde nach Hause käme, und welch einen Schmerz würde es ihr bereiten, wenn sie erfuhr, warum Aennchen nicht nach Hause kam?
So waren wohl drei Viertelstunden verstrichen, welche Aennchen wie eine Ewigkeit dünkten, da kam abermals ein Schritt die Treppe herauf, aber es war nicht der schwere schlürfende Schritt der Hausmeisterin, sondern er klang leicht und elastisch. Und plötzlich stand eine kleine unscheinbare Gestalt unter der Thüre und eine sanfte Stimme sprach:
»Aennchen, ist es dir recht, wenn ich dir etwas Gesellschaft leiste?«
Aufs höchste überrascht fuhr Aennchen empor und starrte die Eingetretene an: