»Du bist es, Martha Traugott, was willst du hier?«

Martha trat näher zu Aennchen und sprach beinahe schüchtern:

»Ich habe so sehr Mitleid mit dir gehabt, als du so allein bleiben mußtest. Da bin ich vorhin zu Herrn Müller gelaufen und habe ihn gebeten, ob er mir nicht erlaube, die letzte Viertelstunde noch mit dir nachzusitzen, und er hat es endlich gestattet, wenn auch nur widerstrebend. Nun wird es dir doch hoffentlich recht sein, wenn ich bei dir bleibe?«

Die sanften treuherzigen Augen der armen verwachsenen Martha blickten Aennchen so herzlich an, daß diese aufs tiefste gerührt in Thränen ausbrach, die Arme um das kleine verachtete Mädchen schlang, über welches sie immer so hochmütig hinweggesehen hatte, und schluchzend rief:

»O Martha, liebe Martha, wie soll ich dir diesen Liebesdienst vergelten und wie habe ich es um dich verdient?«

Martha aber streichelte liebkosend mit ihren dünnen Fingerchen Aennchens nasse Wangen und flüsterte dabei:

»Sei nur gut Aennchen, ich habe dich ja immer lieb gehabt, wenn du mich auch nicht beachtet hast. Nun darfst du bald zu deinem Mütterchen nach Hause und der erzählst du dann ganz aufrichtig, wie alles gekommen ist, und verschweigst ihr nicht das Geringste – gelt? Dann wird alles wieder gut.«

»Gewiß glaubt der Lehrer und alle Mädchen, daß ich der Sarah den Streich gespielt habe?« schluchzte Aennchen.

»Nein,« sprach Martha, »das glauben nur die wenigsten von uns. Die meisten haben Verdacht auf Alma, welche es gewiß auch gethan hat; du wolltest sie nur nicht verklatschen.«

»Martha, woher weißt du es so genau?« rief Aennchen, indem ihr die Thränen stille standen. »Du mußt wirklich sehr klug sein; aber nun sage selbst: hätte ich Alma verklatschen dürfen, nachdem ich doch versprochen hatte, es nicht zu thun?«