»Ich glaube, du hättest es eben gar nicht versprechen dürfen,« meinte Martha nachdenklich. »Nun muß jedenfalls Alma bewogen werden, auch selbst ihr Geständnis abzulegen, und es war sehr schlimm von dir, daß du gegen Herrn Müller so verstockt warst. Nun wollen wir aber nicht mehr von der Geschichte sprechen, die Stunde deiner Befreiung schlägt soeben und ich führe dich nach Hause, wenn es dir recht ist.«
»Du bist das liebste beste Geschöpf auf Erden!« rief Aennchen tief gerührt und umarmte die kleine Gefährtin dankbar. »O bitte, stehe mir noch bei, wenn ich nach Hause komme und Mama die Geschichte erzählen muß!«
Neuntes Kapitel.
Martha.
Aennchen war krank. Sie war damals an jenem unglücklichen Nachmittag mit Kopfschmerzen nach Hause gekommen, und während die kleine Martha, wie sie gebeten worden war, Aennchens Mutter den ganzen Hergang berichtete, hatte das zerknirschte Mädchen so viel geweint und geschluchzt, daß es ganz elend geworden war.
So wurde sie denn rasch zu Bett gebracht und hier begann sie zu fiebern. Der Herr Doktor wurde geholt und erklärte, daß der Scharlach bei dem Kind im Anzug wäre. Aennchens Eltern erschraken sehr und ließen ihr krankes Kind aus dem Kinderzimmer in ein abgelegenes Gemach bringen, damit die Brüder nicht von ihm angesteckt würden. Die Mama widmete sich Tag und Nacht der Pflege der Kleinen und nur, wenn sie zu sehr davon erschöpft war, erlaubte sie der alten Kinderfrau, sie abzulösen. Aennchen lag längere Zeit in heftigem Fieber und wußte nichts von sich; da phantasierte sie beständig von der Schule und Alma – am meisten aber beschäftigte sie sich doch mit Martha und kaum begann sie wieder klaren Sinnes zu werden, da verlangte sie dringend, das kleine verwachsene Mädchen zu sehen. Es konnte ihr freilich nicht gestattet werden; die Gefahr der Ansteckung war noch nicht beseitigt, aber die Mama versprach ihr sobald sie wieder vollständig genesen sei, würde sie das kleine Mädchen zu ihr herüberbitten.
Und so war denn endlich einmal ein Tag gekommen, an welchem Aennchen vollständig fieberfrei und genesen in ihrem Bettchen saß; der Herr Doktor war soeben fortgegangen, nachdem er erklärt hatte, seine liebe Patientin sei von nun an als vollständig gesund zu betrachten und er habe ihr keinen Rat mehr zu erteilen, als sich das Essen recht schmecken zu lassen. Die Mama hatte Freudenthränen in den Augen, als sie ihr liebes Kind mit Dank gegen Gott in die Arme schloß, und die Brüderchen durften alle an ihr Bett kommen und sie begrüßen. Dann wurden sie wieder davongeführt und es war still im Zimmerchen; da öffnete sich auf einmal die Thüre und an der Hand von Aennchens Mutter trat die kleine Martha schüchtern in das Gemach, in den Händen einen großen Blumenstrauß haltend.
»Hier hast du denn endlich deine kleine Freundin, welche ein Stündchen bei dir bleiben darf,« sprach Aennchens Mama lächelnd. »Ihr dürft aber nicht gar zu lang sprechen und euch gegenseitig nicht aufregen. Aennchen besonders soll sich ganz ruhig verhalten und sich lieber von Marthchen erzählen lassen.«
Damit ließ die gute Mutter die beiden Mädchen allein, welche sich innig umschlungen hielten. Die kleine Martha setzte sich an Aennchens Bett und erzählte ihr mit ihrer leisen sanften Stimme alles, was sich während der langen Wochen, welche Aennchen krank gelegen, zugetragen hatte. Und Aennchen hörte voll Staunen, daß bereits so lange vergangen sei seit jenem letzten Schultag; daß unterdessen der Herbst ins Land gezogen sei und was sich inzwischen in der Schule alles verändert habe.