Alma von Stolzau sei gar nicht mehr in die Schule gekommen, weil ihre Mutter eine Reise mit ihr angetreten habe. Der Lehrer habe ihre Eltern von dem bösen Streich noch in Kenntnis gesetzt, welchen sie am letzten Tag einer Schülerin gespielt habe, und Herr von Stolzau habe geantwortet, er würde seine Tochter noch gebührend bestrafen.
»Die arme Alma!« sagte Aennchen bedauernd; »das wird wohl schlimm ausgefallen sein, denn ihr Vater ist sehr streng. Aber hat sie mir denn kein einziges Wörtlein Lebewohl sagen lassen?«
»O ja, sie sandte in deiner Krankheit wohl Grüße und Blumen an dich, aber du warst zu krank, davon zu erfahren. Armes Aennchen, nun hast du deine Freundin verloren!« Martha blickte Aennchen mitleidig an, diese schlang den Arm um ihren Hals und bat leise:
»Willst du meine Freundin sein, wenn ich dir nicht zu böse bin?«
Damit war der Freundschaftsbund geschlossen und nun kamen Stunden schönsten Genusses für die beiden kleinen Mädchen. Jeden Tag, welchen Aennchen noch im Zimmer zu verbleiben hatte, brachte Martha einige Stunden bei Aennchen zu, machte ihre Schulaufgaben bei ihr und war Aennchen behilflich, das, was sie während der Krankheitszeit versäumt hatte, unter ihrer Leitung nachzuholen. Und sie verstand es so gut, die geduldige, gewissenhafte Lehrerin zu spielen, daß Aennchen wirklich Fortschritte machte und sich bestrebte, dem guten Beispiel, das ihr geboten war, nachzufolgen.
Als sie wieder ausgehen konnte, durfte ihr erster Gang zu Martha sein, um dieser für alles, was sie ihr während der langen Krankheitszeit erwiesen hatte, zu danken. Mit klopfendem Herzen stieg sie die enge, dunkle Treppe empor und klingelte an der kleinen Thür des Hausganges. Trippelnde Schritte näherten sich von innen und Martha selbst öffnete ihr. Sie sah wie ein kleines Hausmütterchen aus, war in eine große leinene Schürze gekleidet, welche die ganze schmächtige Gestalt einhüllte, und ihre schwachen Aermchen schleppten an einem Bündel Holz und Reisern, welche sie fest an sich gedrückt trug. Bei Aennchens Anblick flog ein verlegenes Erröten über ihr Gesichtchen: »Du findest mich sehr beschäftigt,« sagte sie, »ich war eben darüber, ein kleines Feuerchen in meiner Schwester Zimmer zu machen.«
»Ist es möglich?« staunte Aennchen. »Du kannst es doch unmöglich verstehen?«
»O doch,« versicherte Martha eifrig, »wir haben kein Mädchen und da wir deswegen alle Geschäfte selbst verrichten müssen, so habe ich Mütterchen vieles abgelernt, um sie etwas bei der Arbeit unterstützen zu können. – Aber so komm doch nur herein, damit du die Meinen begrüßen kannst!«
Damit führte sie Aennchen in ein kleines, niedriges Zimmer, das freilich sehr einfach in seiner Einrichtung war, aber doch höchst behaglich wirkte durch die Sauberkeit und Ordnung, welche überall herrschte. Die Kommoden und Tische waren mit weißen gehäkelten Deckchen geziert, blendend weiße Gardinen verhüllten die kleinen Fenster, an welchen einige Blumenstöcke standen, und in einem Messingbauer zwitscherte ein gelber Kanarienvogel ein vergnügtes Liedchen. In einer Ecke des Gemaches stand ein Bett und auf den weißen Kissen lag ein blasses zartes, junges Mädchen mit großen glänzenden Augen und sanftem, lieblichem Gesicht. Den Lehnstuhl neben ihrem Bette hatte eine würdige alte Dame inne, welche sich bei Aennchens Eintritt freundlich erhob und ihr grüßend entgegenkam.
»Gott segne dich, mein liebes Kind, und erhalte dich fortan gesund,« sprach sie, indem sie Aennchen küßte; »wie glücklich wird deine Mama sein, daß du wieder genesen bist! Könnte doch meine arme Klara auch wieder gesund werden!«