Ein trauriger Blick der guten Frau flog zu dem kranken Mädchen im Bett hinüber; dieses streckte mit einem süßen Lächeln dem schüchternen Aennchen die abgezehrte Hand entgegen und sprach mit unendlich sanfter Stimme:

»Komm doch näher, liebes Aennchen! Du bist mir schon längst aus den Erzählungen meines Schwesterchens bekannt und vertraut, und ich habe mich schon so darauf gefreut, dich kennen zu lernen. Nun mußt du dich auch zu mir setzen und mir recht viel erzählen.«

Und sie zog Aennchen zärtlich zu sich heran, welches bald alle Scheu verlor und sich außerordentlich angeheimelt und wohl in dem niedrigen kleinen Stübchen zu fühlen begann. Das Feuer, welches Martha im Ofen entzündet hatte, knisterte so behaglich, Martha ging ab und zu, setzte einen Topf mit Wasser auf und begann draußen in der kleinen Küche Kaffee zu mahlen, während die Frau Pfarrerin ruhig an ihrer Arbeit, einer großen Filetdecke, fortfuhr. Aennchen sah mit hellem Staunen diesem fleißigen Walten in der Stube zu; sie hätte niemals gedacht, daß ein kleines Mädchen der Mutter schon so an die Hand zu gehen vermöchte, denn während diese den Kaffee aufgoß, begann Martha den Tisch aufzudecken, Tassen und den Brotkorb und die Zuckerdose darauf zu stellen, und als alles fertig war, nahm sie die große Schürze ab und lud alle freundlich zum Kaffee ein.

»Du staunst wohl, liebes Kind, was mein fleißiges Hausmütterchen Martha alles zu arbeiten versteht?« sprach die Frau Pfarrerin zu dem verblüfften Gast während sie ihm Kaffee einschenkte. »Aber mit gutem Willen und einiger Geschicklichkeit vermag ein Mädchen selbst in Kinderjahren schon Tüchtiges zu leisten. Ich könnte ohne meine liebe kleine Martha gar nicht zurechtkommen; sie ist unser Sonnenstrahl in trüben Tagen.« Damit küßte sie ihr vor Freude errötendes Kind auf die Stirn und blickte ihr tief in die großen blauen Augen, fragte aber dann besorgt:

»Hast du heimlich geweint mein Kind, weil du einen solch trüben, umränderten Blick hast?«

Martha neigte das Köpfchen tief auf die schmale Brust, konnte aber doch nicht verbergen, daß zwei große Thränen langsam aus ihren Augen über die Wangen herabrollten. Leise und betrübt murmelte sie:

»Als ich vorhin über die Straße ging, kreuzten wilde Gassenbuben meinen Weg und wie ich ihnen ängstlich auswich, riefen sie mir spottend nach: ›Dort läuft die bucklige Martha!‹«

Das arme verwachsene Kind brach in Thränen aus und auch Aennchen standen die hellen Thränen in den Augen. Sie umschlang die Freundin zärtlich mit den Armen und rief:

»Laß dich doch durch solche rohe Buben nicht kränken! Ich werde dir ein Märchen erzählen, das mir erst gestern Mama aus einem schönen Buche vorgelesen hat und das dich am besten trösten mag. – Da war einmal ein armes, kleines buckliges Mädchen, das traute sich nie bei Tag über die Straße zu gehen, weil es einen so großen Höcker gleich einem dicken Kasten auf dem Rücken trug, daß alle bösen Kinder, die es sahen, seinen Spott mit ihm trieben und es verhöhnten. Weil das arme Kind aber nie an die Luft kam und seine Eltern zu arme Leute waren, die ihm keine kräftige Nahrung bieten konnten, wurde es immer blässer und schmächtiger und eines Tages war es so schwach, daß es sich nicht mehr aus seinem elenden Bettchen erheben konnte. Es betete zum lieben Gott um Erlösung, da sandte er einen lichten Engel, welcher zu dem buckligen Mädchen niederflog und es emporholte in das himmlische Reich. Der Engel flog mit dem staunenden Kind durch das ganze weite Himmelszelt: vor der Pforte zum Eingang in die Ewigkeit setzte er es nieder und Petrus öffnete die Thür und lud es zum Eintreten ein. Aber das kleine Mädchen zauderte und Thränen rannen ihm die blassen Wänglein herab. ›Ach,‹ schluchzte es, ›ich bin doch nicht wert, zu all den herrlichen himmlischen Englein eintreten zu dürfen, ich habe ja einen so großen Buckel.‹ Petrus stand gerührt und des Engels Antlitz erglänzte voll himmlischer Milde. Sanft berührte er mit seinem goldenen Stab den häßlichen großen Kasten, welchen das arme Kind Zeit seines Lebens auf dem Rücken getragen hatte, und siehe – er sprang auf und zwei wunderbar lichte Engelsflügel schwangen sich daraus hervor. ›Weißt du nun, was du so lange auf dem Rücken getragen hast?‹ fragte der goldene Engel und er küßte den neuen kleinen Engel, welcher ganz berauscht von Glück mit ihm in die himmlischen Gefilde flog. – Dies ist die Geschichte von dem armen, buckligen Mädchen.« schloß Aennchen ihre Erzählung.

Eine feierliche Stille herrschte im Zimmer, dann zog Marthas Mutter die kleine Erzählerin an sich und küßte sie mit bebenden Lippen.