»Hab Dank für diese liebe Mär,« flüsterte sie und blickte dann ihre Martha an, welche ganz gehoben dasaß und deren demütiges Gesichtchen einen beinahe feierlichen Ausdruck zeigte. »Deine kleine Geschichte wird ihr künftig bei allen weiteren Demütigungen ein Trost sein, den sie auf ihrem Lebensweg gar wohl gebrauchen kann. Willst du aber nun auch erfahren durch welchen unglückseligen Fall mein armes Kind zu diesem Gebrechen kam? Er hängt mit der Krankheit meiner Tochter Klara eng zusammen.«

Aennchen nickte aufs höchste gespannt und die Frau Pfarrerin erzählte:

»Als mein guter Mann noch lebte, da wohnten wir in einem freundlichen Pfarrhause auf dem Land. Es war ein reizendes Häuschen, das ein blühender Garten dicht umschloß, aber freilich lag es ziemlich einsam und abgelegen von allem Verkehr. Uns störte das in unserem Glücke nicht und unsere Kinder noch weniger; sie waren damals noch klein: meine Tochter Klara acht Jahre alt, Martchen kaum ein einziges Jahr, und die köstliche Landluft, in welcher sie aufwuchsen, ließ die beiden gleich Röslein erblühen. Eines Tages hatten mein Mann und ich einen weiten Weg in die Stadt zu machen; wir übergaben daher die beiden Kinder der Wärterin, welche allerdings keine sehr gewissenhafte Person war. Als wir halbwegs gegangen waren, begegnete uns eine Schar von Zigeunern und besorgt sprach ich gegen meinen Mann die Befürchtung aus, dieselben könnten möglicherweise ihren Weg über das Pfarrhaus nehmen. Beinahe wäre ich umgekehrt, doch schalt ich mich thörichterweise aus wegen meiner Angst – hätte ich doch meinen Entschluß ausgeführt, ich würde viel Unglück verhütet haben! – Denn ach, es geschah, wie ich gefürchtet hatte: die Zigeuner gerieten in die Nähe unseres Pfarrhauses und ein Weib wurde von der Bande zum Betteln ausgeschickt. Sie fand keinen einzigen, erwachsenen Menschen im ganzen Hause; die treulose Wärterin war zum Plaudern ins Dorf gegangen; Klara spielte hinten im Gärtchen und alles war totenstill. So machte sich die Alte mit gieriger Hand daran, in dem offenen Wohnzimmer zu stehlen, soviel sie konnte; da fiel ihr Blick auf eine kleine Wiege, in welcher ein unschuldiges Kindlein in süßem Schlummer lag. Rasch wie der Blitz hatte sie es ergriffen und an sich gedrückt, da fühlte sie sich von hinten umfaßt und eine bebende Kinderstimme rief: »Laß mir mein Schwesterchen, o nimm mein Schwesterchen nicht davon.« Die Alte suchte das sie umklammernde Kind von sich abzuschütteln – allein dasselbe hatte sich mit beinahe übermenschlicher Gewalt an sie gehangen und rief in lauten gellenden Tönen um Hilfe. Lange dauerte der Kampf zwischen der Frau und der Kleinen, die mit dem Mut der Löwin um das zarte Schwesterchen kämpfte obwohl die Alte ihr einige entsetzliche Stöße versetzt hatte: endlich riß der Zigeunerin die Geduld, als sie von fernher Schritte nahen hörte; sie warf den kleinen Säugling mitten in die Stube, schleuderte das Mädchen von sich ab und rannte ins Freie. – Als wir Eltern nach Hause kamen, fanden wir unsere unglücklichen Kinder zwar gottlob noch vor, aber beide schwer verletzt von dem furchtbaren Ueberfall. Es zittert mir das Herz, mehr davon berichten zu sollen; genug, meine arme Klara trug durch den Schrecken ein langes Siechtum davon und meiner armen kleinen Martha ward von dem jähen Fall das zarte Rückgrat gekrümmt. – Nicht wahr, das ist eine traurige Geschichte, mein Kind?« schloß die Frau Pfarrerin, ihre Augen trocknend, zu Aennchen, »aber unser Trost ist, daß jedes Leid von Gott kommt, und daß es uns nur so viel schickt, als unsere Schultern tragen können. Auch uns ist aus dem Leid hohe Tröstung erwachsen; die Herzen meiner Kinder haben sich zu Gott gekehrt und sie nehmen dankbar entgegen, was er in seinem Ratschluß für sie beschlossen hat.«

Es war Aennchen zu Mut, als wäre sie in einer Kirche, und sie vermochte kein Wort zu erwidern. Aber die Frau Pfarrerin, welche fürchten mochte, sie zu sehr aufgeregt zu haben, brachte das Gespräch auf andere Dinge und forderte Martha auf, Aennchen ihre Spielsachen zu zeigen – »denn,« sagte sie, »meine Martha soll auch ihre kindlichen Freuden haben gleich andern Kindern.«

»Hast du auch ein Spielzimmer, wie wir?« frug Aennchen neugierig.

»O nein, wie kannst du denken,« lächelte Martha, »wir haben ja nur zwei Stuben im ganzen, aber dennoch besitze ich eine so schöne Spielecke mit Puppenstube, daß ich sie mit keiner prächtigeren vertauschen möchte. Komm nur, ich will sie dir zeigen.«

Damit führte Martha Aennchen mit geheimnisvoller Miene nach einem Plätzchen hinter dem Ofen und voll Staunen stand diese davor. Eine solche Spielecke hatte sie noch nie gesehen! Der große Kachelofen bildete eine tiefe Nische zwischen der Wand und einem vorstehenden Tisch, welcher gerade für eine schmale Kindergestalt noch Raum zum Durchschlüpfen ließ. Und so war die kleine Ecke denn ein höchst gemütliches lauschiges Winkelchen, welches sich Martha mit unendlicher Sorgfalt und Mühe und viel Geschicklichkeit zu einem niedlichen Puppenzimmer umgeschaffen hatte, in dem sie selbst auf einem niedern Schemelchen auch Platz finden konnte. Ein kleines einfaches Puppenbettchen, mit weißen Wollvorhängen umzogen, stand in der Ecke, daneben eine alte Puppenkommode, auf der ein gehäkeltes Deckchen und allerlei niedliche Kleinigkeiten lagen; dann ein Schränkchen und ein Puppentisch und Puppenstühlchen, auf dem eine Puppe saß vor einem aufgeschlagenen Puppenschreibheft und mehreren Büchelchen. Alles war sehr einfach aber außerordentlich sauber gehalten, dann hatte noch ein Nähkästchen und ein Korb mit Flickresten seinen Platz dabei.

Aennchen war ganz entzückt von allem; so gut hatten ihr selbst Almas Spielsachen nicht gefallen.

»Hat deine Mama dir alles so gemütlich eingerichtet?« frug sie lebhaft.

»Bewahre, Aennchen, das habe ich mir alles selbst gemacht,« erwiderte Martha. »Sieh, meine Mama ist viel zu arm, mir kostbares Spielzeug zu kaufen, aber sie besaß selbst von ihrer Kinderzeit her noch diese Puppe und die kleinen Möbel, welche auch meine Schwester Klara zum Spielen hatte. Als es auf mich übertragen wurde, war alles schon recht alt und morsch, doch hat ein guter Tischler, den ich darum bat, mir alles wieder zusammengeleimt und angestrichen. Dann bat ich Mama um etwas Mull zu einem Bettvorhang und Stoff zu Ueberzügen. Das nähte ich dann alles selbst und es ist doch sehr hübsch geworden, nicht wahr? Alle vierzehn Tage halte ich Puppenwäsche, da wird alles gut durchgewaschen, damit es ordentlich und sauber aussieht.«