Aennchen glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. »Das hast du wirklich alles selbst genäht?« fragte sie erstaunt. »Aber doch sicher nicht die niedlichen Puppenkleider, die hier in dem Schränkchen hängen?«

»Alle hab ich selbst gemacht,« versicherte Martha stolz. »Meine Schwester Klara hat sie mir zugeschnitten und ich nähte sie dann in meinen freien Stunden, selbst das Mäntelchen und die Kapuze. Wenn ich nur mehr hübsche Fleckreste bekommen könnte; ich hätte dann auch gern ein paar Staatskleidchen gemacht.«

Aennchen war beinahe stumm vor Beschämung. Sie erinnerte sich jener schönen Puppe zu Hause, welche sie unbekleidet zum Geburtstag bekommen hatte, damit sie aus den hübschen Zeugresten ihr selbst Kleidungsstücke herstellen sollte; das hatte sie aber nicht gethan, sondern die arme Puppe lieber die ganze lange Zeit im dünnen Hemdchen im Kasten liegen lassen, als daß sie selbst die faulen Fingerchen ihretwegen gerührt hätte. Und dies kleine Mädchen hier, welches schon ohnedies so viel Anderes zu thun hatte und in der Schule eine Musterschülerin war, hatte trotzdem Zeit gefunden, seinen Puppenhaushalt in solch musterhafter Ordnung zu erhalten!

»Ich habe auch eine schöne Puppe daheim, welche der Kleidchen bedarf,« sagte Aennchen jetzt beinahe schüchtern, »würdest du so freundlich sein, mir zu zeigen, wie man dieselben anfertigt? Meine Mama hat mir die reizendsten Stoffe zu Kleidchen gegeben.«

»O, das ist ja herrlich,« rief Martha freudig aus. »Da wollen wir tüchtig zusammen schneidern; du wirst sehen, welch großes Vergnügen es gewährt, etwas Hübsches zu stande zu bringen, und ich bin immer ganz stolz, wenn mein Kind neu und schön gekleidet ist. Bringe deine Puppe nur recht bald zu mir herüber; wenn ich eine freie Stunde habe, dann wollen wir recht fleißig zusammen sein. Nun mußt du aber auch noch die Schulbücher meiner Lilly sehen.«

Damit öffnete sie ein kleines Schubfach, in welchem eine Anzahl der niedlichsten Heftchen lagen, alle selbst zugeschnitten und genäht, liniert und mit sauberer, sorgfältiger Schrift beschrieben, selbst ein kleines Zeichenheft, zur Hälfte mit Zeichnungen bedeckt, war dabei und eine kleine Schiefertafel mit Schwämmchen. So etwas Niedliches hatte Aennchen wirklich noch nicht gesehen und begierig ließ sie sich von Martha berichten, in welcher Art sie mit der Puppe immer die Lehrstunde halte und wie diese alles, was Martha selbst in der Schule gelernt, dann auch in ihre kleinen Hefte eintragen müsse. Bei dieser Gelegenheit prägte sich Martha dann spielend alles doppelt leicht ein. Welche Freude hatte Aennchen, als die kleine Lehrmeisterin sie aufforderte, sich auch künftig an dem Spiel zu beteiligen, und als sie dann endlich nach Hause zurückkehrte, da war ihr kleines Herz so voll von allen neuen Eindrücken, daß sie es gar nicht erwarten konnte, ihrer Mama alles zu berichten. Diese lauschte erfreut den Erzählungen ihres Töchterleins und sagte dann:

»Ich bin sehr zufrieden, liebes Kind, wenn du dir ein so vortreffliches Mädchen, wie die arme kleine Martha es ist, zur Freundin auswählst. Du kannst dir an ihrem Fleiß, ihrem Gehorsam und ihrer Pflichttreue nur ein gutes Beispiel nehmen und dies wird von unendlichem Nutzen für dich sein. ›Sage mir, mit wem du umgehst und ich will dir sagen, wer du bist,‹ ist ein nur zu wahres Sprichwort. Ein guter Freund vermag den ganzen Charakter des andern zu veredeln und seinen Anschauungen eine bessere Richtung zu geben. Dir mein kleines flatterhaftes Aennchen, wäre dies von ganz besonderem Nutzen, denn durch die Freundschaft, welche du so lange mit Alma von Stolzau gepflegt hast, hatten deine Neigungen zum Leichtsinn und Uebermut sich sehr verschlimmert; so danke ich Gott, wenn du nun auf andere Wege geführt wirst, und werde glücklich sein, aus meinem Töchterlein ein recht braves artiges Mädchen werden zu sehen.«

Und wirklich, die Freundschaft Aennchens zu der armen Martha trug bald so überraschende Früchte, daß Eltern und Lehrer voller Staunen die Umwandlung mit ansahen, welche mit dem früher so flatterhaften Mädchen vorging. Aennchen bemühte sich, in der Schule eine ebenso fleißige und aufmerksame Schülerin zu sein, wie ihre Freundin; sie gab in den Unterrichtsstunden genau auf die Worte des Lehrers acht, vermied es, mit ihren Nachbarinnen heimlich zu flüstern oder unter dem Tisch sich mit Spielereien zu beschäftigen, wie sie es, zu ihrer Schande müssen wir es gestehen, leider früher nicht selten versucht hatte. Ihre Bücher und Hefte hielt sie von nun an sauberer als vorher, denn das war wirklich höchst notwendig, wollte sie die Geduld ihrer Lehrer nicht aufs äußerste erschöpfen. Hatte sie doch einmal ein ganzes Rechenbuch derartig mit Kritzeleien und kleinen Bildern vollgezeichnet, daß es völlig unbrauchbar geworden war und sie dafür tüchtig bestraft werden mußte. Ihre Hausaufgaben fertigte Aennchen nur immer mit Martha zugleich.

Aennchens Eltern hatten aus dem kleinen Stübchen, welches früher das »Trutzstübchen« gewesen, seitdem die Kinder größer und artiger geworden waren, ein gemütliches Arbeitszimmerchen geschaffen, in welchem ein großer Schreibtisch und ein Büchergestell mit mehreren Stühlen alles boten, was man zum Arbeiten nötig hatte, ohne die Aufmerksamkeit durch andere Dinge abzuziehen. Hier saßen nun täglich nach der Schule Martha und Aennchen zusammen, nachdem sie ihr Vesperbrot verzehrt hatten, und arbeiteten mit Fleiß und Sorgfalt die Arbeiten aus, welche die Lehrer ihnen aufgegeben. Bereits bestanden diese nicht mehr allein aus Schreibübungen, Lesen und Rechnen, sondern sie hatten schon französische Grammatik zu treiben, für den Religionsunterricht nachzuholen, Naturgeschichte und Geographie zu studieren und noch verschiedenes andere. Sogar schon deutsche Aufsätze wurden geübt, das war den Mädchen die liebste Beschäftigung und sie arbeiteten dieselben leicht und zufriedenstellend, so daß sie meist gute Noten davontrugen.

Wenn die Schularbeiten fertig waren, dann mußte Martha nach Hause zu ihrer Mutter, um dieser an die Hand zu gehen; hatte dieselbe aber keine besondere Arbeit für ihr fleißiges Töchterchen vor und bedurfte die kranke Schwester Agnes ihrer Gesellschaft nicht, dann wurde ihr erlaubt, mit Aennchens Puppe zu spielen.