Und das war nun erst recht der wahre Genuß! Lange schon hatte Aennchen mit geschickten Fingern ihrer Freundin das Kleidermachen für Puppen abgelernt und bereits besaß ihre früher so vernachlässigte Puppe eine vollständige Garderobe, welche vom hübschesten Sonntagskleidchen bis zum einfachsten Hausanzug äußerst niedlich von ihr selbst gefertigt war. Wenn die Weihnachtszeit aber herankam, dann begnügten sich die fleißigen Mädchen, nicht, ihre eignen Puppen zu versorgen – dann kaufte Aennchens Mama eine Anzahl hübscher Puppen und diese wurden dann abends bei Lampenlicht von den lieben kleinen Mädchenhänden reizend gekleidet und geziert, damit sie dann am Weihnachtsabend eine Anzahl armer Kinder erfreuen konnten.

So hatte die Freundschaft der kleinen verwachsenen Martha für Aennchen wirklich die köstlichsten Früchte getragen.

Zehntes Kapitel.
Ein Brief Almas an Aennchen.

Beinahe zwei Jahre waren schon darüber hingegangen, seitdem Aennchen ihre Freundin Alma nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört hatte. Nur einmal brachte am Anfang Aennchens Vater die Nachricht nach Hause, Herr von Stolzau sei nun auch ganz auf Reisen gegangen und habe sein Gut einem Verwalter übergeben, seit Frau von Stolzau ganz plötzlich in Italien gestorben sei. Aennchen hörte voll Mitleid, welche Trauer die arme Alma betroffen habe, sie hätte ihr gerne ihre Grüße gesandt, doch wußte sie ihre Adresse nicht und glaubte sich von ihr längst vergessen.

Da, wer beschreibt ihr Erstaunen, brachte eines Tages der Briefträger einen verschlossenen Korb an ihre Adresse; Aennchen konnte kaum glauben, daß sie selbst damit gemeint sei, und als sie dennoch mit hastigen Händen öffnete, da stieg ihr ein köstlicher süß betäubender Duft entgegen! Zwischen Myrten und Orangenblüten lagen die herrlichsten Apfelsinen, Trauben und Datteln vor ihren entzückenden Blicken, zu oberst des Korbes aber, in Seidenpapier gewickelt, ein viereckiges Couvert mit einem dicken engbeschriebenen langen Briefe. Ein Brief von Alma! War es wirklich möglich?! Hatte die Freundin wirklich sie noch nicht ganz vergessen?! Aennchen war ganz außer sich vor Stolz, und als sie sich etwas gefaßt hatte, setzte sie sich hin und las den langen Brief der folgendermaßen lautete und mit einer hübschen gleichmäßigen Kinderschrift geschrieben war:

Venedig.

Mein liebes Aennchen!

Du hast ganz sicherlich gedacht, daß ich dich vergessen habe, weil ich so ewig lange Zeit nichts von mir hören ließ und bei meiner schnellen Abreise nicht einmal Abschied von dir nahm. Aber du warst krank damals, da durfte ich nicht zu dir und hätte auch keine Zeit dazu gehabt, weil meine liebe Mama sich so schnell zu einer Reise nach Italien entschließen mußte. Sie war leidend geworden und sollte keinen Augenblick zögern, in ein wärmeres Klima zu kommen; der Herr Doktor hoffte dann sichere Genesung für sie. Aber ach, meine arme liebe Mama hat die Genesung leider nicht gefunden! sie wurde im Gegenteil immer kränker und schwächer, wenn ich dies selbst freilich kaum bemerkte; aber einmal, da kam ein schrecklicher Tag, an den ich nur mit Entsetzen zurückdenken kann, man sagte mir, als ich zu meinem Mütterchen wollte, es sei gestorben und ich hätte nun keine Mama mehr auf der Welt. Wie schrecklich mir da zu Mute war, liebes Aennchen, davon kann ich noch immer nicht sprechen; sie war ja die Einzige, welche mich, wie ich glaubte, wirklich lieb gehabt hat auf der Welt, mein Vater stand mir fern und ich fürchtete ihn und so wollte ich denn schier in meinem Schmerz verzweifeln. O, ich war so böse damals; ich wollte niemand, niemand mehr sehen; mein Fräulein, das mich nur immer strafen und ermahnen konnte, stieß ich mit Widerwillen von mir, und als mein Vater nach Mamas Tode kam und mich begrüßen wollte, da floh ich in Angst vor ihm und konnte auch später nur voll Scheu mit ihm verkehren, obgleich er gütig und nachsichtig war.