Nicht wahr, lieb Aennchen, du kannst es kaum glauben, daß dies deine lustige Freundin Alma war? aber ich war völlig anders geworden und von all dem Kummer wurde ich blaß und krank und mußte viel zu Bette liegen. Wir wohnten in einem großen Palaste; mein Fräulein und ich hatten große prächtige Zimmer, aber sie waren so kalt und hoch, daß mich immer darin fröstelte. Mein Vater wohnte in einem andern Flügel des Hauses und machte viel Ausflüge, wo er nach Altertümern unter der Erde forschte. So war ich mit Mademoiselle doch immer wieder allein, welche sich gar wenig um mich kümmerte sondern meist in französischen Romanen las.

Eines Tages lag ich recht matt auf dem Sofa und war etwas eingeschlummert; Fräulein hatte im Zimmer nebenan gesessen, da hörte ich sie plötzlich: »Feuer! um Gottes willen, Feuer!« rufen, sie warf ihr Buch auf den Boden, stürzte zur Thüre hinaus und schlug diese hinter sich zu. Erschrocken sah ich um mich, ich roch Brandgeruch und ein Knistern und Knattern tönte zu meinen Ohren. Und wie ich noch beinahe betäubt von dem Schreck war, da schlug plötzlich eine blendende Lohe zum Zimmer herein und gelbe und rote Flammen zingelten um mich auf. Ich wollte nun, meinem Fräulein nach, mich durch die Thüre retten; als ich sie aber geöffnet hatte, schlugen mir schon von unten Flammen entgegen, so daß ich die Treppe nicht mehr passieren konnte.

Ich stürzte zum Fenster und blickte hinaus; schwarze Rauchwolken hüllten mich ein und man vermochte mich von unten wohl kaum zu sehen. So schrie ich laut und entsetzt um Hilfe, bis mein Hals heiser wurde und die Stimme mir versagte. In dieser entsetzlichen Not, Aennchen, da war ich ganz sicher, daß ich sterben würde und daß mir niemand nahe sei, als der liebe Gott; ich warf mich auf die Kniee und betete zu ihm und es fiel mir in dem gräßlichen Augenblick schwer aufs Herz, welch ein leichtsinniges verwöhntes Kind ich gewesen sei, wie böse ich mich dagegen aufgelehnt, als der liebe Gott meine kranke Mama zu sich genommen hatte und wie unrecht es von mir gewesen war, meinen Vater durch meine Kälte so zu betrüben. Wie gerne wäre ich anders geworden, aber jetzt war es zu spät, ich hatte nur noch Zeit, den lieben Gott um Verzeihung anzuflehen.

Die Flammen leckten schon an meinen Kleidern und die Besinnung hatte mich beinahe verlassen, da sah ich plötzlich wie im Traum, wie eine schwarze jugendliche Gestalt sich über den Balkon zu mir hereinschwang, mich ergriff und dann zum Fenster emporhob. Dann hörte und sah ich nichts mehr, denn eine tiefe lange Ohnmacht kam über mich. –

Als ich nach langer langer Zeit endlich wieder die Augen öffnete, da wußte ich mich kaum zurechtzufinden, wo ich war. Ich lag in einem fremden Bette und neben mir saß mein Vater mit einem gütigen kummervollen Gesicht, er hielt meine beiden Hände in den seinen und als ich ihn nun erwachend anblickte, da flog ein freudiger Strahl über sein Gesicht und er rief:

»Lebst du wirklich, mein Kind? O, Gott sei gelobt!« Er umarmte mich, während Freudenthränen über seine Wangen rollten; ich wagte kaum an das Glück zu glauben, so geliebt zu sein und leise stammelte ich:

»Hast du mich denn wirklich lieb, Väterchen?« Da gab sein inniger Blick mir die Antwort und als ich ihn um Verzeihung gebeten hatte für mein Benehmen, da sagte er mir, wie bitter weh es ihm gethan habe, daß sein kleines Mädchen kein Herz für ihn gezeigt habe, als er sich doch ohnedies so vereinsamt gefühlt habe in seiner Trauer. Und dann erzählte er mir, wie lange ich krank gelegen habe seit dem Brand und wie sehr er um mein Leben gebangt habe. Er hätte damals gar nicht im Hause geweilt, als der schreckliche Brand ausgebrochen sei, und wäre erst gerade in dem Moment zurückgekommen, als ein mutiger Knabe sein Kind aus den Flammen rettete.

»Wo ist Mademoiselle?« frug ich.

»Sie ist nicht mehr bei dir,« antwortete mein Vater stirnrunzelnd. »Als sie dich in der Gefahr so treulos verlassen konnte, sah ich ein, daß mein armes Vögelchen keine liebende Gefährtin an ihr besessen hatte. Aber deinen Lebensretter willst du doch sicher kennen lernen, nicht wahr, mein Kind?«

Mein Vater stand auf und holte aus dem nächsten Zimmer einen Knaben herein, der, um einige Jahre älter als ich, mich mit seinen großen schwarzen Augen freundlich anlachte. Seine Gestalt schien mir von jener entsetzlichen Stunde her bekannt, das Gesicht hatte ich nicht deutlich erblicken können. Heute erschien es mir über die Maßen anziehend: schwarze feurige Augen, dunkle Gesichtsfarbe und dichtes braunes Lockenhaar. Ich reichte ihm dankbar die schwache Hand, die er halb schüchtern ergriff. Mein Vater sagte zu mir: