»Du wirst hier in Peppino einen Gefährten erhalten für die Zukunft. Der junge Mann hat dich mir aus den Flammen gerettet, darum kann ich ihm nie genug dankbar sein. Er ist ein armer, elternloser Savoyardenknabe, der im größten Elend aufgewachsen ist; ich habe ihn zu deinem Bruder gemacht und werde ihn nun mit dir erziehen und ihn alles lernen lassen um dereinst einen tüchtigen Mann aus ihm zu machen. So hoffe ich auch von dir, Alma, daß du ihm eine brave liebende Schwester sein wirst.«

Ich versprach es mit tausend Freuden und siehst du, liebes Aennchen, auf diese Weise bin ich zu einem gar lieben Bruder und Gefährten gekommen. Peppino ist ein prächtiger braver Junge und macht meinem Vater und seinen Lehren durch seinen Fleiß und seine Strebsamkeit viel Freude und wir beide haben uns so lieb, als ob wir wirkliche Geschwister wären. Mein Vater hat eine liebe gütige Dame als Erzieherin für mich gewonnen, welche so sanft und liebreich gegen mich ist wie eine Mutter, und ich lerne bei ihr so gern, daß mir die Lehrstunden immer ein wahrer Genuß sind. Ich habe auch schon sehr gute Fortschritte gemacht, sagt mein Fräulein. Viele Unterrichtsstunden teile ich mit Peppino, welcher einen Hofmeister hat, der immer ganz überrascht ist, wie leicht und rasch sein Schüler lernt.

Nun muß ich dir aber, mein liebes Aennchen, auch ein wenig von dem herrlichen Land erzählen, in welchem ich nun schon so lange verweile. Ich wollte nur, du könntest all das Wunderbare mit mir schauen, welches uns hier in der Natur stets umgiebt. – Die Orangen- und Myrtenhaine, die köstliche Blumenpracht, die Palmen- und Myrtenbäume! Ich habe Rom gesehen mit all den Römerdenkmalen aus alter Zeit, dem Kapitol und dem Kolosseum, und mein Vater hat mir alles erklärt, so daß ich beinahe begriffen habe, warum die Ueberreste so wunderbar interessant für uns sind.

Wir haben den Vesuv bestiegen; das ist ein hoher Berg, welcher einen offenen Krater besitzt; aus demselben steigen bei Tag und Nacht glühende Dämpfe hervor, denn das furchtbare Feuer, welches in seinem Innern brennt, ist fortwährend bestrebt, sich nach außen hin Luft zu machen. Deshalb findet von Zeit zu Zeit ein so heftiger Ausbruch statt, daß lodernde Feuerflammen hoch zum Himmel schlagen und glühendes Gestein und Lava hervorbricht und bergabwärts stürzt in rasendem Lauf. Dabei fällt ein glühender Aschenregen gleich einem wirklichen Regen im ganzen Umkreis nieder und wo er hinfällt, da verwüstet und zerstört er, was zu zerstören ist. Auf diese Weise wurden vor vielen tausend Jahren zwei blühende, herrliche Städte vollständig vom Erdboden vertilgt. Der Aschenregen fiel auf sie und bedeckte sie so vollständig, daß es keine Rettung mehr gab, alles Lebende wurde zerstört und ein großer Teil durch die glühende Lava verbrannt. Die beiden unglücklichen Städte hieß Pompeji und Herkulanum und jetzt, nach Jahrtausenden, hat man die erkaltete Lava und Asche weggegraben und die Städte wieder aufgedeckt.

Nicht wahr, das ist interessant? Ich habe Vieles davon sehen dürfen und zum Vesuv bin ich mit meinem Vater auf einem Maulesel geritten und habe in den feurigen Krater voll Grauen hinabgeschaut.

Jetzt wohnen wir in Venedig; das ist auch eine ganz merkwürdige Stadt. Sie besteht aus lauter großen, alten Palästen, welche wundervoll von Stein aufgeführt sind. Aber die Paläste sind nicht wie in andern Städten durch Straßen miteinander verbunden, sondern sie stehen mitten im Wasser und wenn man über die Straße will, so sind große schwarze Gondeln da, in denen man fahren muß. Das ist dann so still und feierlich, daß es Einem ganz eigen zu Mut wird auf dem dunkelblauen Wasser zwischen den hohen Steinpalästen. Ein einziger Platz ist in der Stadt, der heißt der Markusplatz, wo die große Markuskirche steht, und dort gehe ich mit Peppino am liebsten hin. Denn eine unzählige Schar weißer Tauben wird dort täglich gefüttert und sie sind so zutraulich, daß sie zu jedem Menschen heranfliegen und ihm die Körner aus der Hand picken. Ist das nicht reizend?

Jetzt habe ich dir aber so viel vorgeschwätzt, liebes Aennchen, daß du einen halben Tag daran zu lesen haben wirst; ich habe auch eine Woche daran geschrieben; jeden Tag eine Stunde und mein Fräulein hat mir die orthographischen Fehler korrigiert, sonst würde wohl manches Fehlerhafte darinnen sein. Ich sende dir hier als Gruß aus Italien einige Früchte und Blumen, damit du dir doch einen Begriff machen kannst, und auf dem Grund des Körbchens wirst du in einem Karton eine Photographie finden, welche mich und meinen Bruder Peppino darstellt. Ich habe diesem auch viel von dir erzählt und er läßt dich recht herzlich grüßen. Vater hat versprochen, uns im nächsten Jahr wieder einmal nach Deutschland zu führen, dann können wir uns wiedersehen. Vielleicht schreibst du mir auch einmal. Adieu, liebes Aennchen; ich umarme und küsse dich von Herzen als deine treue Freundin

Alma von Stolzau.

Aennchen hatte voll Interesse und Staunen Almas Brief zu Ende gelesen und begann nun eifrig nach der besprochenen Photographie zu suchen. Richtig, da lag sie auf dem Boden des Körbchens und als Aennchen sie erblickte, stieß sie einen Schrei des Entzückens aus. Ja, das war ihre Alma, aber noch viel, viel schöner als damals; wohl waren es dieselben großen Augen, dasselbe zarte, wunderhübsche Gesichtchen, und die goldenen Haare fielen wie ein lange Schleier über die Schultern; aber sie zeigte einen so lieblichen, sinnigen Ausdruck, wie sie ihn früher nicht besessen, und ein stiller sanfter Zug spielte um den kindlichen Mund. An ihrer Seite lehnte ein braungelockter Knabe mit offenen, schönen Zügen, er sah das Schwesterchen so freundlich zärtlich an, daß das Bild einen wahrhaft rührenden Anblick bot und Aennchen voll Stolz und Glück sich nicht satt daran zu sehen vermochte und eiligst zu Martha hinüberlief, dieser ihren Schatz zu zeigen.

Aennchen zögerte auch nicht lange, den Brief ihrer Freundin zu beantworten, wenn sie auch freilich weniger Interessantes zu berichten hatte, und so entstand gar bald ein Briefwechsel, welcher nicht nur sehr anregend und amüsant für die jungen Mädchen war, sondern wirklich auch sehr bildend und lehrreich, sowohl was Stil und Orthographie anbelangt, als auch weil er die Schreiberinnen veranlaßte, sich von ihren Gedanken genaue Rechenschaft zu geben, dieselben klar und anschaulich zu Papier zu bringen und überhaupt genau zu beobachten, was um sie her vorging und was das Leben ihnen Liebes und Trauriges brachte.