Elftes Kapitel.
Tagebuchblätter.
Auf des Herrn Lehrers Rat hatten die Mädchen sogar neuerdings angefangen, kleine Tagebücher zu führen, seitdem es ihnen ein Leichtes war, die Feder zu führen und sich von ihren Erlebnissen Rechenschaft zu geben. Bald war es Aennchens und Marthas liebstes Vergnügen, alles, was sich in ihrem Leben Bemerkenswertes zutrug, in ihren Tagebüchern festzuhalten, und wir wollen unseren Leserinnen hier einen kleinen Einblick in einige dieser Blätter gestatten.
Aus Aennchens Tagebuch.
Wir haben gestern einen sehr schönen Sonntag erlebt, an welchen ich die Erinnerung für mein Leben festhalten möchte.
Es war der Hochzeitstag meiner lieben Eltern, welchen wir jedes Jahr in festlicher Weise zu begehen pflegen. Dieses Jahr überraschte uns am Morgen, als wir alle aufgestanden waren, mein Vater mit der Nachricht, er hätte heute eine Partie mit uns vor, wohin, das sage er nicht, auch Mama dürfe es noch nicht wissen! Natürlich jubelten wir laut vor Freude und erschöpften uns in Vermutungen, wohin der Weg uns wohl führen möge? Mein Bruder Fritz riet wohl zwanzig verschiedene Orte, die kleinen Brüder riefen eifrig: »Zur Milchfrau, zur Milchfrau!« (denn das wünschen sie sich schon lange, weil sie uns eingeladen hat) und ich selbst wußte gar nicht, was ich denken sollte, auch Mama nicht. Nun, wir machten uns aber natürlich alle sehr rasch bereit; Papa befahl, eine Menge Dinge mitzunehmen, die uns in Erstaunen setzten. Die Kinderwagen, in welchem Hermännchen und Willy durchaus sich nicht mehr fahren lassen wollen, wurde mit allerlei Eßwaren, einem kalten Braten und zwei Flaschen Wein und Limonade und einem frischgebackenen Kaffeekuchen und Obst, ferner mit Tellern und Gläsern und Bestecken vollgepropft! Er war schließlich so schwer, daß ihn unsere Lisette nicht allein mehr ziehen konnte, sondern Bruder Fritz mithelfen mußte. Dieser hatte sich selbst auch tüchtig beladen, obwohl er nicht wußte, wohin der Weg ging. Seine Botanisierbüchse trug er über der Schulter, darin ein Gartenmesser und eine Menge anderer Sachen lagen; dann hatte er seine neue Armbrust bei sich und seine Büchse. Die kleinen Brüder nahmen ihre Schmetterlingsnetze mit und ein Reifspiel, Hermännchen, der ein Gärtner werden will, seine kleine Schaufel. Ich selbst nahm meine Puppe Lilly auf den Arm, welcher ich zum Glück gerade vor einigen Tagen ein neues Sommerkleid gefertigt hatte, so daß sie sehr niedlich in dem rosa Röckchen und dem gelben Strohhut aussah.
So brachen wir auf. Die Eltern gingen voran; Papa führte Mama am Arm, welche beinahe nicht weniger neugierig war als ihre Kinder und immer lächelnd fragte: »Wohin werden wir wohl heute noch kommen?« Es war ein ganz wundervoller Maimorgen; die liebe Sonne schien schon am frühen Morgen so warm, die Bäume und Hecken standen schon im frischen Grün und auf den Wiesen guckten unzählige Frühlingsblümchen neugierig zu uns auf, die wir am liebsten alle gleich gesammelt hätten, wenn Papa nicht davon abgeraten und gemeint hätte, wir sollten unsere Kräfte noch für den ganzen langen Tag aufsparen.
Unser Weg führte erst an der Stadtmauer entlang, dann durch den schönen Stadtwald über Felder und Wiesen, bis wir ein kleines, freundliches Dörfchen vor uns liegen sahen. Es war uns wohl bekannt und wir jubelten vor Freude; Mama war schon einmal mit uns daheraus gekommen und hatte dann gegen Papa geäußert: sie wisse sich eigentlich kein lieberes und hübscheres Fleckchen Erde als dieses. Denn das Dörfchen liegt in einem kleinen Thal, das ganz von romantischen bewaldeten Bergen eingeschlossen ist, ein silbernes Flüßchen schlängelt sich dazwischen hin. So schritten wir denn voll froher Erwartung dem Dörflein entgegen und Mama sagte fröhlich zu Papa: »Das hast du hübsch angefangen, lieber Mann, daß du uns gerade hierher geführt hast.« Papa aber lächelte und meinte: »Geduld, Geduld, es kommt schon noch schöner.«
Wir bogen in die Dorfgasse ein, wo die Leute gerade sonntäglich geputzt aus der Kirche kamen und uns alle gar freundlich grüßten. Lisette freute sich so darüber, daß sie ihren alten Kopf vor lauter Nicken gar nicht zur Ruhe bringen konnte. Schon hatten wir das ganze Dörflein passiert und Papa war auch an dem Wirtshaus vorübergegangen, zu dem wir sehnsüchtig hineinschauten, denn es hätte uns gar zu wohl gefallen, in dem kühlen Wirtsgarten verweilen zu dürfen, und etwas enttäuscht folgten wir dem nun immer rascher voranschreitenden Vater, der nun sogar in den Waldweg, welcher zur Anhöhe führt, einbog. Schon verzogen Hermännchen und Willy kläglich die Gesichter und jammerten, sie wären müde, da stand Papa auf einmal still und deutete mit dem Finger aufwärts. Wir riefen alle miteinander »Ah!« und Mama sprach überrascht: »Welch’ entzückendes, kleines Häuschen steht denn da oben?«