»Hier ruht unser guter Hansi!« und als im nächsten Frühjahr die Störche wieder im Nest einkehrten und immer wie fragend das leere Nest auf der Altane umschwirrten, da zeigten die Mädchen eifrig nach dem kleinen Gräblein drunten im Garten, aber die Störche verstanden sie natürlich nicht.
Vierzehntes Kapitel.
Wintervergnügen und Eisabenteuer.
Das war ein großer Jubel, als Aennchen einmal im Winter die ersten Schlittschuhe bekam. Sie war immer eine große Freundin der Eisvergnügungen gewesen, und als ihre Eltern es noch nicht erlauben wollten, die Eisbahn zu besuchen, da hatte sie mit ihren Geschwistern einen Teil des Gartens überschwemmen dürfen; dort bildete sich nun sehr rasch dann eine Eisdecke, auf welcher die Kinder nach Herzenslust herumschlittern durften. Nun aber war Aennchen groß genug, sogar Schlittschuhe zu bekommen und selbst mit auf die Eisbahn gehen zu dürfen; ihr Bruder Fritz, welcher schon ein ganz flotter Schlittschuhläufer war, bekam die Aufgabe zugeteilt, seinem Schwesterchen das Schlittschuhlaufen zu lehren, und es dauerte gar nicht lange, da war sie beinahe so geschickt wie er selbst. Jeden freien Winternachmittag eilten nun die Geschwister zusammen auf das Eis; Aennchen hatte einen niedlichen Pelzanzug bekommen, in dem sie recht warm steckte, und so fuhren die Geschwister Hand in Hand oft stundenlang die weitesten Strecken des Sees entlang.
Eines Tages, als die beiden, ihre Schlittschuhe in der Hand, soeben sich auch zum Fortgehen bereit machen wollten, sagte die Mutter:
»Aennchen, heute wird’s wohl mit eurem Eisvergnügen nichts werden, denn ich habe einen Gang für euch, der sich nicht aufschieben läßt. Unsere alte Näherin ist krank und ich möchte ihr eine Flasche Wein schicken, aber keine der Mädchen hat Zeit dazu. So müßt ihr es denn übernehmen. Ihr Häuschen steht wohl dicht am See, aber es ist eine zu weite Strecke, als daß ihr dieselbe schlittschuhlaufen könntet, auch wird wohl das Eis heute schwerlich mehr sicher sein, nachdem es in der Nacht so getaut hat; darum müßt ihr eben auf euer Vergnügen verzichten und euch damit trösten, daß erfüllte Pflicht auch ein Vergnügen ist.«
Sie händigte damit den beiden Kindern eine Flasche Wein ein, welche sich mit sehr langen Gesichtern auf den Weg machten. Als sie aber an den See kamen und die Eisfläche so spiegelglatt daliegen sahen, da gewann das Verlangen, Schlittschuh zu laufen, doch die Oberhand und Fritz sagte entschlossen:
»Das Eis sieht ja noch ganz prächtig aus und hat keine Gefahr. Nicht wahr, Aennchen, wir machen den Weg lieber direkt über den See, als am Ufer entlang?«
Aennchen war dies gleich zufrieden und so schnallten dann die beiden ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den Weg. Es waren nur wenige Leute anwesend und keiner kümmerte sich um die beiden Kinder, welche pfeilschnell die sonnenbeschienene Bahn dahinschossen und sich an dem Krachen des Eises unter ihren Füßen ergötzten. So gut wie heute hatte es ihnen selten gefallen. Es dauerte auch kaum dreiviertel Stunden, da waren sie an dem Ufer des Sees angekommen, wo das Häuschen der Näherin stand. Nun schnallten sie die Schlittschuhe ab und gingen ins kleine Haus hinein, die Frau zu besuchen.