Auf einer Wiese in der Nähe der Stadt hatten sie ihren Exerzierplatz; da fanden sich viel Hunderte von Störchen aus der ganzen Umgegend ein und mußten hier auf Kommando einiger alten Störche in Reih und Glied marschieren. Jeden Tag fanden sich mehr Störche ein, es war ein Geklapper und Geschrei auf der Wiese, daß es von weitem dem Geräusch eines großen Jahrmarktes glich; aber hier handelte es sich um durchaus ernste Dinge, denn die Proben, welche jeder Storch von seiner Tüchtigkeit zu geben hatte, entschieden bei ihm über Leben und Tod.
Der letzte Tag kam heran vor der großen Storchenreise, die Vorbereitungen schienen alle getroffen und die meisten Störche hatten die Proben ihrer Leistungsfähigkeit gut bestanden. Nur ein paar schwächliche Geschöpfe schienen darunter, die hatten sich die ganze Zeit bemüht, es den andern an Tüchtigkeit gleichzuthun, aber vergeblich. Als sie jetzt zum letztenmal heute in Reih und Glied beisammen standen, da senkten sie wie in ängstlicher Ahnung die Köpfe, denn heute sollte sich ihr Schicksal erfüllen, nach der grausamen Art, mit welcher diese klugen Tiere für ihre Schwachen und Kranken zu sorgen pflegen.
Das Gericht dauerte nur wenige Augenblicke, während welcher die Störche mit lautem Geschrei über ihre Schwächlinge herfielen, dann lagen diese tot und zuckend am Boden, die andern Störche aber erhoben sich laut klappernd in die Luft, welche ganz verdunkelt wurde durch den dichten Schwarm der großen Vogelkörper. – –
Welch ein Glück für unsern armen Hansi, daß er vor dem Schicksal seiner kranken Leidensgenossen bewahrt blieb und in der guten Fürsorge und Pflege der kleinen Martha dem kommenden Winter ruhig entgegensehen konnte.
Ach, aber es sollte ihm doch nicht beschieden sein, den kommenden Frühling und mit ihm die Wiederkehr seiner Eltern und Geschwister mehr zu schauen – die Bosheit eines Knaben hatte es auf sein Leben abgesehen.
Längst schon hatte der böse Moritz im Nachbarhause einen Haß auf den armen unschuldigen Vogel geworfen, den er nicht mehr necken und quälen durfte, und sich einen ganz abscheulichen Plan ausgedacht, durch den er Martha Schmerz bereiten konnte. Er wußte nur zu gut, daß der kleine Hansi ein großes Leckermäulchen war, wenn man einen Vogel so nennen kann, und darauf baute er seinen bösen Plan.
Einmal am späten Abend, als alles schon zur Ruhe gegangen war, stieg er über das Dach hinauf und schlich sich zu Hansis Nest hin, wo er leise einige Leckerbissen für Hansi niederlegte, von welchen er wußte, daß sie dieser gern schnabulierte; dann entfernte er sich ebenso leise, als er gekommen war.
Am andern Morgen, als Martha, wie sie dies gewöhnlich zu thun pflegte, ihren ersten Gang zu Hansis Nest richtete und ihn fröhlich anrief, damit ihr dieser, wie immer mit fröhlichem Klappern entgegenhüpfen sollte, da rührte sich kein Hansi von der Stelle, und als sie erschrocken näher trat, da sah sie das arme Tier ganz tot mit verglasten Augen der Länge nach ausgestreckt liegen – er mochte wohl schon ein paar Stunden so gelegen haben.
Marthas Jammer war grenzenlos – das ganze Haus lief zusammen den armen unglücklichen Vogel zu sehen, und da kam es denn heraus, daß der Vogel Gift bekommen hatte, auch wer der Thäter dieser abscheulichen That war.
Natürlich entging der böse Moritz der Strafe nicht für seine Frevelthat, aber was half dies Martha und Aennchen, welche ihren liebsten Freund und Spielgefährten verloren hatten? Die beiden weinten heiße Thränen um den entrissenen Liebling, drunten in Aennchens Garten wurde ihm unter einem Eschenbaume ein kleines Grab gegraben und die Mädchen bepflanzten es mit Epheu und Immergrün. Dann ließ Aennchen von ihrem Sparbüchsengeld einen weißen Stein anfertigen, darauf stand mit goldenen Buchstaben: