Wie Aennchens Vater es sich ausgedacht hatte, so geschah es – das Dach ließ sich wirklich ganz gut zu einem hübschen Aufenthaltsort umschaffen und nach wenigen Wochen war schon alles fix und fertig, so daß die Familie Traugott davon Besitz nehmen konnte. Wer war glücklicher als diese?! Die bescheidenen Menschen wähnten im Himmel zu sein und kein Palast dünkte ihnen jetzt beneidenswerter als ihre wenigen Stübchen mit dem daranstoßenden Dachsalon. Nun konnte doch die kranke Klara an besseren Tagen zuweilen ins Freie getragen werden auf ihren Stuhl, nun konnte sie doch einmal wieder den freien blauen Himmel und die lieben Vöglein über sich sehen! Und Martha, die glückliche Martha, konnte hier ihrer heimlichen beständigen Herzenssehnsucht genügen, welche darin bestand, selbst ein wenig Blumen und grüne Ranken zu ziehen und mit aller Sorgfalt über deren Gedeihen zu wachen. Von Aennchens Gärtner, der das sanfte Kind schon lange in sein Herz geschlossen hatte, bekam sie verschiedene Samen und kleine Schößlinge geschickt; es waren nur die einfachsten Pflanzen, die sie in alten Kisten aufzog, Kressen und Kapuziner, Winden und Erbsen und Geranium, aber unter ihren sanften Händen schienen alle diese bescheidenen Pflänzlein wie aus Dankbarkeit doppelt so hold aufzublühen als wo anders. Bald war wirklich Marthas Garten ein kleines Blütenmeer geworden und wer da oben über all den hohen Häusern so viel näher dem Himmel diesen seltsamen Garten erblickte, der mußte voll Staunen das kleine unscheinbare Geschöpfchen bewundern, welches mit seinen schwachen Händchen dies alles hervorgebracht hatte.

Aennchen wußte sich auch nichts Lieberes von nun an, als bei Martha in deren reizendem Gärtchen zu weilen, und wie viele Stunden des schönsten Genusses verbrachten die beiden jungen Mädchen da oben, wenn sie, mit den Schulaufgaben fertig geworden, hier mit ihren Unterhaltungsbüchern und Handarbeiten beisammen saßen. Da gab es ja schon ohnedem Unterhaltung in Fülle; nicht allein, daß man von dem hohen Aussichtsturm eine weite Fernsicht auf die Stadt und die Straßen hinunter hatte, daß man mit den Augen all die vielen Menschen, die so lebhaft durcheinander wimmelten, beobachten konnte – es war in der Nähe noch viel Interessantes zu schauen, was sowohl Marthas als Aennchens größtes Entzücken bildete.

Hoch oben auf dem Dach des Hauses, aber gar nicht weit entfernt von ihnen, hatte sich nämlich eine Storchenfamilie auf dem breiten Schlot ihr Nest gebaut und die Kinder vermochten so gut hineinzusehen, daß sie ganz deutlich beobachten konnten, was in der Storchenfamilie täglich und stündlich vorging. Und das war des Bemerkenswerten oft wirklich nicht wenig, vom ersten Tag an, da dort oben vier junge Störchlein aus dem Ei gekrochen waren, bis zu jenem, als sie ihre ersten Flugversuche anstellten. Was hatten die braven Storcheltern während der ganzen Zeit für eine fabelhafte Arbeit gehabt, bis sie all die hungrigen Schnäbelchen, welche so unaufhörlich nach Nahrung schrieen, befriedigen konnten; besonders der Herr Storch gönnte sich den ganzen Tag keine Ruhe, bald flog er mit einem Würmchen im Schnabel, bald gar mit einem zappelnden Fröschlein zum Nest hinauf, um den ärgsten Schreiern rasch den Schnabel zu stopfen – das war dann ein Zanken um den besten Leckerbissen, als wenn sich eine Schar unartiger Buben um eine Wurst balgte, und die Frau Störchin mußte mit ihrem Schnabel oft friedestiftend dazwischen fahren und Streiche nach allen Seiten hin austeilen. Sie mochte wohl seufzend die Zeit herbeisehnen, da die unartigen Kinder sich selbst ihre Nahrung draußen suchen konnten, und heute schien wirklich der große Tag dazu gekommen, denn Martha beobachtete schon vom frühen Morgen an ein besonderes festliches Treiben in dem Storchneste auf dem Dache. Und wirklich, gegen Mittag da vollzog sich das große Ereignis! Nachdem Vater Storch unruhig, wie zur Aufforderung, oftmals hin- und hergeflogen war, erhoben sich die Jungen kreischend und schreiend aus dem Neste, sie setzten sich auf den Rand desselben, schlugen lebhaft mit den Flügeln und auf einmal hatte das kühnste sich in die Luft erhoben und wagte mit dem Vater einen kurzen Flug, die beiden andern folgten flügelschlagend mit der Mutter nach.

Nur das vierte und kleinste blieb ängstlich im Neste kauern und sah den Geschwistern sehnsüchtig nach, es wagte sich wohl noch nicht heraus, obgleich die Eltern bald zurückkamen und es durch Stöße mit dem Schnabel zu ermuntern suchten. Endlich schien Vater Storch recht ungeduldig über das ungeschickte Nesthäkchen zu werden, und als dasselbe gerade ängstlich auf dem Rand des Nestes kauerte, da gab er ihm einen Stoß, der es von demselben schleuderte. Das Nesthäkchen kreischte und flatterte mit den Flügeln, es versuchte zu fliegen und brachte es doch nicht zustande, es mochte doch wohl noch zu schwach dazu sein, denn auf einmal verließen es die Kräfte, es durchschoß die Luft, überpurzelte sich und stürzte plötzlich auf das Gartendach neben Martha nieder, welche wohl seit einer halben Stunde unbeweglich dort gestanden und den Störchen voll Interesse zugeschaut hatte. Nun war sie beinahe ebenso erschrocken als das kleine Nesthäkchen, dann aber bückte sie sich rasch und hob das zappelnde Störchlein auf, welches so betäubt von dem Fall schien, daß es sich ohne Scheu berühren ließ. Der eine kleine Flügel hing gebrochen herab und Martha rief rasch die Mutter, mit deren Hilfe sie den kleinen Patienten verband. Dann suchte sie, so rasch es ging, ein Nestchen für ihn auf dem Dache zu bereiten aus weichen Gräsern und Stroh, darauf bettete sie das arme Vögelchen, schob das Nest so weit als möglich auf dem Dache vor und verbarg sich dann hinter der Thüre, um abzuwarten, ob nicht die alten Störche nach dem verunglückten Jungen sehen würden.

Richtig dauerte es nicht sehr lange, so umkreiste von oben her die alte Störchin mit lautem Flügelschlagen das Dach, immer näher kam sie heran, das Kleine schlug ihr wie zum Gruß mit dem gesunden Flügelein entgegen, da konnte sie es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten, schoß hernieder und stellte sich neben dem Kranken auf. Das Junge sperrte den Schnabel auf und schrie vor Hunger, da schoß die Alte wieder davon und kehrte bald mit einem fetten Leckerbissen im Schnabel zurück, ihr nach folgte der Vater, welcher auch eine Delikatesse in Bereitschaft hielt. Und nun fütterten die beiden Eltern ihr unglückliches Nesthäkchen so sorgsam, als ob es droben im eigenen Nest wäre, und Martha stand mit vor Freude klopfendem Herzen neben dem herbeigerufenen Aennchen hinter der Thür und weidete sich an dem hübschen Schauspiel.

Als mit lautem Geklapper die anderen Jungen von ihrem Ausflug zurückkehrten, da streckten sie gar verwundert die Hälse aus, als sie das Brüderchen statt im Nest drunten auf dem Dach erblickten, und die Alten hatten es heute doppelt notwendig mit den beiden Kinderstuben. Sie waren bald so zutraulich, daß sie gar keine Scheu vor Martha und Aennchen empfanden, welche sich um das kranke Störchlein zu schaffen machten, ja es schien, als fühlten sie sogar wirkliche Dankbarkeit gegen die Menschen, welche sich ihres kranken Jungen angenommen hatten.

Das verunglückte Störchlein erholte sich auch bald von seinem Fall und spazierte schon nach einigen Tagen aus dem Nestchen heraus, aber der eine Flügel, den es beim Fall gebrochen hatte, blieb lahm herunterhängen und so war wohl niemals Aussicht für das arme Tier vorhanden, daß es gleich seinen Geschwistern sich in die blaue Luft erheben konnte. Aber es schien sich dennoch ganz wohl zu fühlen in der Obhut seiner lieben Pflegerin – es war schon so zutraulich gegen Martha geworden, daß es ihr gleich entgegenlief, wenn sie sich nur von ferne zeigte, und ihr wie ein Hündchen auf Tritt und Schritt nachfolgte, wenn sie sich in ihrem Garten zu thun machte. Das war doch wirklich gar zu niedlich.

Martha und Aennchen hatten den jungen Storch Hansi getauft und Hansi war der Liebling des ganzen Hauses, eine gar wichtige Respektsperson geworden. Er empfing oft an einem Tag eine Menge Besuche, denn wer von den Bekannten etwas über den jungen Storchfindling vernahm, der wollte ihn auch sehen und kennen, und weil Hansi gar so zutraulich und possierlich war, gefiel er jedermann.

Nur ein Junge aus der Nachbarschaft, welcher Moritz hieß und der von seinem Dachfenster herüber zu Hansi klettern konnte, machte Martha Sorge, denn er neckte und ängstigte den armen Vogel oft ganz gewaltig, zog ihn an dem rotseidenen Halsband, das jener um den Hals trug, und trieb so lang allerlei Schabernack mit ihm, bis Martha ihm endlich ernstlich den Zutritt zu dem Dach verbieten mußte, was den bösen Knaben in eine wahre Wut versetzte. Aber von nun an hatte der arme Hansi doch wenigstens wieder Ruhe.

Der Sommer verging und der Herbst rückte heran. Droben auf dem Dache beim Storchnest richteten sich die Störche zur Reise nach den fernen warmen Ländern. Jeden Tag blieben sie länger bei ihren Ausflügen aus, denn die Jungen mußten ihre Kräfte immer mehr erproben.