»Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euer Glück so von euch stoßt. Ich dachte, dir eine Wohlthat zu thun, indem ich die Last einer Tochter von dir nehmen wollte, nachdem dir schon die Kranke so viel Sorgen bereitet – nun lasse ich euch noch einen halben Tag Bedenkzeit, bevor ich abreise.«

»Es bedarf keiner Bedenkzeit, Onkel; ich verlasse mein Mütterchen nicht,« rief ich rasch; ich wußte nicht, woher ich den Mut dazu nahm. »Ich will mich lieber bemühen Tag und Nacht und arbeiten, so viel ich kann, um ihr keine Last zu sein, als daß ich mich von ihr zu trennen vermöchte.«

»Gut, dann habe ich nichts mehr zu sagen,« unterbrach mich mein Onkel kühl; er wandte sich zu seinem Töchterchen und sprach einige englische Worte zu ihr, da griff sie nach ihrem Hut und Mäntelchen. Meine Mutter hatte ganz rote Flecken vor Aufregung auf ihren Wangen, angstvoll suchte sie meinen Onkel zu begütigen, bis dieser sie zuletzt doch noch ganz freundlich an sich zog und ihr zum Abschied herzlich die Hand drückte; auch mir reichte er freundlich die Hand und sprach:

»Wenn ihr einmal meiner bedürfen solltet, so denkt an mich. Lebt wohl, ich habe Eile!« Damit ging er mit Ellen an der Hand, welche mir noch herzlich zuwinkte, davon und wir sahen den beiden so lange nach, bis sie um die Ecke verschwunden waren. Das ganze Erlebnis war wirklich wie ein Traum gewesen und laut fragte ich mich selbst wiederholt: »Hat man mich wirklich meinem Mütterlein entreißen wollen?«

»Nicht wahr, du bleibst doch lieber bei deiner alten Mutter und deiner armen kranken Schwester?« frug Mütterchen, indem sie mich an sich zog, dann eilten wir hinüber nach dem Lager meines armen Schwesterchens und kamen uns vor, als seien wir drei uns wiedergeschenkt. Und als am Abend das Lampenlicht so traulich auf unserem kleinen Tischlein brannte und wir so eng zusammensaßen, da fühlten wir so recht erst, wie wir zusammengehörten, und beteten zum lieben Gott, er möge uns dies Glück auch ferner erhalten, dann wollen wir ja für alles, was er uns oft Schweres auferlegt, gern dankbar sein.

Dreizehntes Kapitel.
Marthas Hausgarten. Der arme Hansi.

Klein Aennchens Vater ließ an seinem Hause verschiedene bauliche Aenderungen vornehmen, auch das Hinterhaus sollte eine Aufbesserung erhalten, denn Aennchens Vater hatte einen Plan, welcher Frau Pfarrer Traugott zu Nutzen dienen sollte. Er hatte sich ausgedacht, daß von deren Wohnung eine Thüre heraus auf das flache Dach des nebenstehenden Anbaues gebrochen werden könne, und wenn man dieses Dach dann etwas herrichten und verschönern, zudem ringsum mit einem Gitter versehen ließ, so konnte mit wenig Mittel ein kleiner einfacher Garten auf demselben angelegt werden. Und von welcher unendlichen Wohlthat mußte ein solch bescheidener Zufluchtsort gerade für die kleine Familie Traugott werden, welche, durch die kranke Tochter beständig ans Haus gebunden, sich nicht wie andere häufig in der freien Natur ergehen konnte.