»Also dies ist deine Jüngste?« fragte der fremde Onkel, mir die Hand entgegenstreckend; er blickte sehr erstaunt meine kleine Gestalt an und auch das fremde Mädchen maß mich mit überraschten Blicken, so daß ich mich am liebsten in den Boden verkrochen hätte. Aber Mutter machte mich auch mit dem Mädchen als meiner Cousine bekannt und ich hätte gern mit ihr gesprochen; doch sie verstand unsere deutsche Sprache nicht und schüttelte immer nur mit dem Kopf. Mutter gab mir einen Wink, draußen nach der Küche zu sehen; zum Glück war unsere Aufwärterin noch da und hantierte am Herde; sie stand mir mit Rat und That bei, unser Mittagsmahl zu vergrößern, das für uns aus einem Kalbsbraten bestanden hätte, und während ich den Tisch aufdeckte, holte sie noch einiges Nötige herbei.

So war denn nach meiner Meinung alles ganz hübsch und festlich gerichtet, als wir uns zu Tisch setzten; meinem Onkel mochte es freilich recht bescheiden erscheinen; er fragte uns, ob wir immer so spät »frühstückten,« und als Mutter ganz erstaunt sagte, dies sei unser Mittagessen, da teilte er es seinem Töchterchen auf englisch mit und dieses lachte laut auf. Das gefiel mir nicht, auch daß die fremde Cousine ihr Mißfallen an unseren einfachen Speisen gar so auffallend kundgab und den Teller so rasch zurückschob, als es ihr nicht schmeckte, was uns doch als Leckermahl erschien. Aber es war unrecht von mir, so vorschnell zu urteilen, und als meine Mutter mir später erklärte, das arme Mädchen habe eben ganz ohne Mutter aufwachsen müssen, die ihr alles gesagt hätte, was recht und unrecht sei, da that sie mir unendlich leid. Ich bemühte mich sehr, das fremde keine Mädchen zutraulich zu machen; endlich gelang es mir und es schmiegte sich an mich und sprach einige wenige deutsche Worte, die es gelernt hatte: »Vater, Mutter, Vaterland, Deutschland.«

»Als ich in der fernen Welt zuweilen Heimweh nach zu Hause hatte, da habe ich meiner Kleinen die Worte gelehrt,« sprach mein Onkel. »Jetzt bin ich hier in der alten Heimat, aber sie erscheint mir nach der langen Abwesenheit beinahe wie die Fremde und es zieht mich nach den fernen Ländern zurück.« Dann erzählte er von seinen Erlebnissen drüben in Südamerika, wie alles, alles so ganz anders sei als hier. Er sei Besitzer einer großen Ansiedelung, die er ganz aus eigenen Kräften geschaffen habe; von Jahr zu Jahr vergrößere sich dieselbe, die Reis- und Zuckerfelder bekämen immer größere Ausdehnung und er sei bereits dadurch ein reicher Mann geworden.

»Hast du auch schon Indianer gesehen, Onkel!« frug ich ganz atemlos.

»Zu Hunderten,« war seine Antwort. »Ich bin schon oft genug mit den Wilden im Kampfe gewesen, ja, ich war sogar schon einmal von ihnen gefangen und zum Tode verurteilt, da gelang es mir noch, zu entwischen. Seht her, hier ist noch die Narbe von der Wunde, die mir eine erbitterte Rothaut schlug.«

Damit schob Onkel das Haar über der Stirn etwas beiseite und zeigte uns eine entsetzliche dunkelrote Narbe, welche sich um den halben Kopf zog. Mutter schauderte und rief ängstlich:

»Und doch willst du wieder in dies unheimliche Land zurück, in Kampf und Gefahr, anstatt deine letzten Lebensjahre in Ruhe in der alten Heimat zu verleben?«

»Ich muß, ich muß!« drängte der Onkel, »es läßt mir keine Ruhe hier. Aber weißt du,« wandte er sich plötzlich an Mutter, indem er mich aufmerksam ansah, »gieb mir deine jüngste Tochter hier als Gefährtin für meine Ellen mit. Ich verspreche dir, sie so gut zu halten, als wäre sie mein eigenes Kind; sie scheint schwächlich und zart, du bist nicht in der Lage, ihr ein sorgenfreies Leben zu schaffen – ich werde sie mit allem umgeben, was Reichtum zu bieten vermag, und selbst ihre Zukunft sicher stellen, indem ich sie im Verein mit meiner Tochter zur Erbin einsetze. Meine Ellen bedarf einer Gefährtin, am liebsten hätte ich ein deutsches Kind aus der Heimat für sie, also gib mir deine Martha.«

Onkel war schließlich ganz lebhaft geworden in seiner Rede; ich aber saß da, wie versteinert vor Schreck, und das Herz stand mir beinahe still. Was würde Mutter antworten? Würde sie ihr Kind von sich geben? O nein, Mütterchen sprach tieferblaßt und mit zitternder Stimme:

»Von meiner Martha werde ich mich nie trennen und wenn ich das letzte Stückchen Brot mit ihr teilen müßte. Nicht wahr, mein Kind, du ziehst auch unser bischen Armut dem Reichtum in der Ferne vor?« Da stürzte ich mich weinend an ihre Brust. Onkel war sehr kühl geworden; er sah auf die Uhr und meinte: