Ich habe gewöhnlich nicht viel des Interessanten zu erleben, am verflossenen Sonntag aber fiel doch etwas vor, was mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Ich erhob mich, wie ich es immer an Sonntagen zu thun pflege, eher als an den anderen Tagen von meinem Lager. Am Sonntag habe ich immer gern, wenn mein Mütterchen, welches sich die ganze Woche über gar so viel plagen muß, länger als sonst der Ruhe pflegt, und da ich mich nicht für die Schule zu richten habe, so bleibt mir an diesen Tagen immer gut Zeit, die Hausarbeit an ihrer statt zu übernehmen. So hatte ich denn auch heute bereits mein Bett gemacht, die Stube gekehrt, Feuer im Ofen geschürt und den Kaffeetisch gerichtet, als meine liebe Mutter aufstand und sich freute, alles schon besorgt zu sehen. Meine kranke Schwester Klara hatte gottlob auch eine bessere Nacht gehabt und freute sich jetzt der Sonnenstrahlen, welche durch das Fenster gerade schräg auf ihr weißes Bett hereinzitterten. Sie sprach so hoffnungsvoll:

»O Mutter, ich glaube, der Frühling läßt mich ganz besonders grüßen!« daß es uns allen ganz warm mit ihr zugleich ums Herz ward. Mutter setzte sich dann zu ihr, um mit ihr aus dem Gebetbuch zu lesen, während ich mich nach dem Gang zur Kirche vorbereitete. Wir wechseln jeden Sonntag regelmäßig ab und heute war an mir die Reihe.

Als ich dann in der Kirche saß, war mir ganz besonders festtäglich zu Mute, denn das Sonnenlicht vergoldete den Altar und die Bilder so wunderbar, daß alles wie in einer Glorie erschien. Und der Herr Pfarrer sprach heute so besonders schöne, herzbewegende Worte über den Text: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.«

Ach, das war so gerade wie für mich gesprochen, und ich prägte mir alle die herrlichen Worte tief ins Herz, um sie zu Hause meinem Mütterchen wieder erzählen zu können. Wie oft hatte ich schon im stillen geseufzt und war mir recht unglücklich vorgekommen im Gegensatz zu anderen glücklicheren Mädchen, welche nicht, wie ich, mit einem Gebrechen behaftet sind, denen nicht zu Hause Sorge, Krankheit und Not beständig vor Augen stehen wie mir. Der Herr Pfarrer aber zeigte darauf hin, wie unrecht es sei, über solches Kreuz zu murren und zu seufzen, denn »wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Er hat für jedes Leid den rechten Trost bereit, und eines Tages wird er denen, welche die Last ihrer Sorgen hier auf Erden ohne Murren ertragen haben, die Krone des ewigen Lebens geben.«

Ich war so tief in diese Gedanken versunken, daß ich gar nicht vernahm, wie der Pfarrer seine Predigt schloß; als er dann vorm Altare stand und den Segen sprach, da flatterte plötzlich ein weißer Schmetterling zum Kirchenfenster herein und um das Christusbild am Altar. Der erste weiße Schmetterling! es sah aus, als wolle auch er an dem Gottesdienst teilnehmen.

Gehobenen Herzens schritt ich nach Hause, machte aber noch einen kleinen Umweg an einer Wiese vorbei, auf welcher ich neulich Veilchen aufkeimen sah. Heute mußten sie aufgeblüht sein, dann wollte ich meiner kranken Schwester einige zum Gruß ans Bett bringen. Und wirklich eine ganze Schar der lieben blauen Blümchen lachte mir entgegen, so daß ich sie nur zu pflücken brauchte, dann eilte ich rasch, um die versäumte Zeit einzuholen, nach Hause.

Als ich unsere Treppe hinaufstieg, hörte ich voll Erstaunen mehrere laute Stimmen aus dem Zimmer schallen und beinahe erschreckt öffnete ich die Thür. Da saß neben Mütterchen ein fremder, dunkelgebräunter Herr auf dem Sopha und an dem Tisch stand ein fremdartig gekleidetes kleines Mädchen mit braunem Lockenkopf und gelblichen Wangen. Ich war vor Erstaunen ganz stumm und hielt noch immer die Thürklinke in der Hand; da rief Mutter:

»Komm nur näher, Martha, und begrüße deinen Onkel aus Amerika, welchen ich zu meiner großen, großen Freude heute wiedersehen durfte. Seit seinen Kinderjahren war er verschollen und wir glaubten ihn nicht mehr am Leben. Doch der liebe Gott hat ihn zu uns zurückgeführt.«