»Herr Doktor, wie geht es eigentlich der armen Klara Traugott?« frug Aennchens Mutter ihren Hausarzt, welcher jede Woche, selbst wenn niemand von der Familie krank war, im Hause vorzusprechen pflegte; »ich habe leider gehört, das arme Mädchen wäre sehr schlimm daran – ist das wahr?«

»Leider, leider,« erwiderte der Doktor, indem er sich nachdenklich über den Bart strich. »Es thut mir leid, nicht helfen zu können, denn der Kranken wäre leicht geholfen, wenn man ihr nur einmal einen ganzen Sommer lang vollständigen Aufenthalt in frischer Luft, eine energische Milchkur und sorgenfreies Dasein verschaffen könnte. Aber wie ist das anzufangen, wo alle Mittel dazu fehlen? So muß sie wie eine Blume, welche nicht genug Sonnenschein und Wasser hat, elend verkümmern; es ist zu traurig. Nicht einmal zum Spazierengehen kann man sie bringen, da sie zum Gehen zu schwach ist und einen Fahrstuhl nicht besitzt – ich würde ihrer Mutter, der Frau Pfarrerin, gern etwas unter die Arme greifen, aber sie ist zu stolz, etwas anzunehmen!«

»Halt, aber mir kommt ein Gedanke!« rief Aennchens Mutter, welche aufmerksam und betrübt zugehört hatte. »Herr Doktor, wäre nicht unser neues Landhaus gerade als Erholungsort für die Kranke wie geschaffen? Sie könnte dort die ganze schöne Jahreszeit über ländliche Ruhe genießen, wir haben die köstlichste Milch dort selbst im Hause, ein Fahrstuhl steht noch von meinem seligen Vater her droben auf dem Speicher, den könnten wir hinausschaffen lassen, wenn die Patientin weitere Wege in den Wald unternehmen sollte – fügt sich nicht alles herrlich zusammen?«

»Wenn Sie wirklich der armen Kranken diese Hilfe bieten wollen, dann stehe ich auch dafür ein, sie gesund zu machen,« rief der Hausarzt erfreut, der gütigen Dame die Hände schüttelnd, und der vielbeschäftigte Mann empfahl sich, indem er noch meinte, jeder Tag sei jetzt Gewinn und er könne nur für rasche Ausführung des ausgezeichneten Planes stimmen.

So begab sich denn Aennchens Mama ohne Zögern hinüber in das kleine Stübchen der Frau Pfarrerin Traugott, mit welcher sie sich seit der Freundschaft der beiden Kinder auch schon längere Zeit befreundet hatte, und schlug ihr vor, mit ihrem kranken Töchterlein hinaus auf das schöne Landhaus zu ziehen, damit diese in frischer Luft und bei kräftiger ländlicher Kost dort zu neuem Leben gesunden könne. Die Frau Pfarrerin vermochte anfangs kaum an das Glück zu glauben, welches sich ihr plötzlich so unvermutet bot, sie zögerte, eine solche Großmut anzunehmen, aber die Sorge für ihre immer mehr dahinsiechende Tochter, deren Leiden zu lindern so wenig in ihrer Macht stand, ließ sie die dargereichte Rettungshand mit gerührtem Herzen ergreifen und Gott innig danken, welcher so edle Menschenfreunde auf ihren Pfad geführt.

So wurde denn auch kein Tag mehr versäumt, die Uebersiedlung der Kranken nach dem Landhäuschen, welches »Glückesruh« getauft worden war, vorzunehmen. Zwei niedliche Fremdenzimmer wurden dort für sie in Stand gesetzt, die Frau Pfarrerin zog mit Klara hinaus in das reizende Heim und Martha wurde während der Abwesenheit der Mutter zu Aennchen als Gast geladen. Das war nun eine köstliche Zeit für die kleinen Mädchen; wie zwei Schwestern teilten sie alles zusammen und Aennchens Eltern gewannen die kleine Martha so lieb, als ob sie ihr eigenes Kind wäre; auch die Jungen hingen mit knabenhaftem Ungestüm an der lieben sanften Freundin.

Jeden Sonntag aber den ganzen Sommer über pilgerte denn die ganze Familie schon am frühen Morgen hinaus nach »Glückesruh« und Martha konnte es sehnsüchtig immer kaum erwarten, ihre Lieben wiederzusehen. Und wie grenzenlos war jedesmal ihre Freude, wenn sie ihre geliebte Schwester Klara von Woche zu Woche immer weiter genesen fand. Der Herr Doktor hatte recht gehabt; die Kranke hatte wirklich einer Blume geglichen, welcher der Sonnenschein gefehlt; nun aber ihr alles zuteil werden konnte, was ihrem geschwächten Körper not that, kehrte die Farbe der Gesundheit auf ihre blassen, lieblichen Wangen zurück, neue Kraft strömte durch ihre Glieder, so daß sie nun schon imstande war, kürzere Wegstrecken allein zurückzulegen, bei weiteren Wegen wurde sie im bequemen Fahrstuhl gefahren. Das Bärbele fühlte sich sehr wichtig und geschmeichelt, wenn sie der verehrten Kranken zu wiederholten Stunden des Tages große Gläser köstlich schäumender Milch bringen durfte, welche dieser so herrlich mundeten, wie ihr seit Jahren nichts gemundet hatte. Der Doktor kam alle paar Tage herausgefahren, nach seiner Patientin zu sehen, und trat stets aufs höchste befriedigt den Heimweg an, nachdem er ein Stündchen im Garten mit den beiden Damen verplaudert, und sich von Herzen gefreut hatte über die zunehmende Frische und Lebenslust des lieben kranken Mädchens – ja, er weissagte sogar, bis zum Herbst würde er es mit keiner Patientin mehr, sondern mit einem völlig gesundeten Fräulein zu thun haben. Wer war glücklicher, als die ganze Familie Traugott – niemals hätten sie zu hoffen gewagt, daß sich ihr Lebenslos noch so gnädig gestalten würde.

Sechzehntes Kapitel.
Musikstunden.