»Lieber Mann, meinst du nicht, daß es Zeit wäre, Aennchen jetzt mit dem Musikunterricht beginnen zu lassen? Sie hat doch ungewöhnliches musikalisches Talent und auch offenbar viel Liebe zur Musik. Andere Kinder beginnen oft schon mit sechs Jahren Klavier zu spielen; so ist unser Töchterchen verhältnismäßig spät daran, doch wollte ich sie bisher nicht mit Arbeit überbürden, da ich dafür bin, daß die Kinder nicht zuviel auf einmal beginnen sollen, weil sonst leicht alles nur halb gethan wird. Darum ließ ich Aennchen lieber erst über alle Schwierigkeiten des Anfangsunterrichts in der Schule hinweggehen und ihr dabei genug Muße zu Spiel und Erholung; jetzt aber, da ihr Charakter ernster geworden ist und sie verständig genug ist, einzusehen, welchen Vorteil das Lernen bringt, wird sie mit Freuden den Musikunterricht beginnen und sich hoffentlich recht gelehrsam und strebsam zeigen.«

So sprach eines Tages Aennchens Mutter zu ihrem Mann, welcher sich vollständig damit einverstanden zeigte; daraufhin wurde dem jungen Mädchen angekündigt, daß sie von nun an Klavierstunden bekommen würde, und Aennchen vernahm die Nachricht mit freudigem Stolz. Hatte sie die Musik ja so lieb, als wäre sie als Waldvögelein geboren! sie konnte nicht leben, ohne zu zwitschern und zu singen; den ganzen Tag klangen ihre frohe Liedchen durchs Haus. Wie schön dachte sie es sich nun, Klavierspielen und sich selbst begleiten zu können – sie hatte die Freundinnen schon zuweilen beneidet, welche so stolz von ihrem Klavierunterricht erzählten, und so versprach sie denn gar gern ihren gütigen Eltern, eine recht fleißige und strebsame Schülerin werden zu wollen.

Des andern Tages begleitete ihre Mutter sie dann in die Musikschule, wo Aennchen bereits angemeldet war. Die Vorsteherinnen derselben waren zwei feingebildete Damen, welche mit Hilfe mehrerer Lehrerinnen das Institut gegründet hatten, das sich des besten angesehensten Rufes erfreute und von den meisten besseren Familien besucht ward.

Voll Herzklopfen folgte Aennchen ihrer Mutter die Treppe hinauf in einen großen eleganten Salon, wo die Vorsteherin Fräulein Tamann sie mit freundlicher Würde empfing. Nach wenigen Worten mit Aennchens Mutter führte sie dann diese mit dem Töchterlein hinüber nach einem andern Zimmer, darin standen drei Klaviere an den Wänden, außerdem noch ein Tisch, einige Fauteuils, ein Sofa, ein Blumentisch und mehrere Etageren an den Wänden. Aennchen hatte sich eine Musikschule durchaus nicht so freundlich vorgestellt und war freudig überrascht, auch in der Lehrerin eine sehr feine junge Dame in höchst gewählter Kleidung zu erblicken, welche den Kindern so liebenswürdig entgegenkam, daß sie gar keine Gelegenheit fanden, sich zu fürchten und Scheu zu empfinden. Es waren außer Aennchen noch drei Ankömmlinge im Zimmer, zwei Knaben und ein Mädchen, letzteres auch von seiner Mutter begleitet. Doch empfahlen sich die Damen, als der Unterricht begann; nur die Vorsteherin, Frl. Tamann, verweilte noch eine Zeitlang im Zimmer, um zu beobachten, wie sich die neuen Schüler beim Unterrichte benehmen würden.

Dieser begann nun freilich ganz anders, als Aennchen ihn sich gedacht, denn anstatt, daß sie gleich an das Klavier gesetzt wurde und dort darauf heraufklimpern durfte, sang ihnen die Lehrerin, Fräulein Ina, mit klarer hübscher Stimme ein einfaches Liedchen vor; »Wenn die Sonn’ mit hellem Schein leuchtet in dein Bett hinein – Büblein, spring geschwind heraus, sticht dir sonst die Augen aus.« Die Kinder mußten das Liedchen nachsingen, bis sie es ohne Fehler konnten, natürlich brachte Aennchen dies mit großer Leichtigkeit zu stande. Dann wurden alle vier an eine große schwarze Tafel geführt, auf welcher Notenlinien aufgezeichnet waren und große runde Notenköpfe, welche freilich den Kindern vollständig unbekannte Größen waren. Es war nun nicht leicht, bis sie alle nach und nach begriffen hatten, daß diese Noten, in aufsteigender Reihe auf den fünf Linien hingemalt, die Noten c d e f g a h c darstellten; noch viel schwerer war es, die Bedeutung der Zeichen und Vorzeichen kennen zu lernen, den Violinschlüssel nachzumalen und vieles andere mehr, und es bedurfte dazu vieler Stunden, bis sie dies alles vollständig begriffen hatten. Heute aber in dieser ersten Stunde kamen sie doch schon so weit, daß sie einige der Noten kennen lernten. Dann wurden sie alle an die Klaviere gesetzt, die zwei Mädchen an das erste, die zwei Knaben zusammen an das zweite, und Fräulein Ina ging von einem zum andern und zeigte ihnen, wie sie gerade und aufrecht am Klavier zu sitzen hatten und wie sie Füße und Arme, Ellbogen und Hände in richtige Haltung bringen mußten. Dies war besonders bei den Buben keine leichte Mühe, denn ihre eckigen Gliedmaßen zeigten sich recht ungeschickt für diese Künste. Nun sollte sich jedes der Kinder die Melodie des Liedchens auf dem Klavier zusammensuchen. – Aennchen fand sogleich den ersten Ton richtig und, o Wunder, auch die nächsten Töne ganz gut bis zum Schluß, während die andern Kinder sich weit mehr bemühen mußten. Fräulein Ina hatte eine große Freude an ihrer talentvollen Schülerin; zum Schluß der Stunde bekamen alle als Hausaufgabe eine Seite Violinschlüssel zu schreiben, ferner das Liedchen recht oft auswendig zu singen, die Notenzeichen dazu auswendig ins Buch zu schreiben und die Namen der Noten darüber zu setzen.

So war denn die erste Stunde sehr gut abgelaufen und Aennchen kehrte ganz freudestrahlend nach Hause zurück; voll Eifer nahm sie von nun an jeden freien Augenblick wahr; sich auf dem Klavier zu üben; es war erstaunlich, welche Fortschritte sie schon in den ersten Lehrstunden machte, wie sie auch den schriftlichen Teil ihrer Aufgabe stets zur Zufriedenheit löste und sogar anfing, kleine Kompositionen zu versuchen, welche ganz niedlich ausfielen. Ihre Eltern und Lehrer hatten große Freude darüber, besonders aber war Martha stolz über die musikalischen Fortschritte ihrer Freundin, und jede Stunde, welche sie am Klavier zubrachte, setzte sie sich mit ihrer Arbeit in ein Winkelchen daneben und bildete eine aufmerksame Zuhörerin. Sie selbst konnte ja nicht daran denken, auch Klavier spielen zu wollen – ihre kleine verkrümmte Figur war schon viel zu schwächlich dazu und dann hätte ihre Mutter den kostspieligen Unterricht gar nicht erschwingen können, aber sie war dennoch frei von jedem Neid und freute sich aufrichtig des Glückes ihrer Freundin.

Denn für diese wurde die Musik nun wirklich zu einer wahren Quelle des Glücks und ihre Eltern mußten sie schließlich beinahe zurückhalten, daß sie nicht zuviel darin that. Bald war sie so weit, daß ihr das Notenlesen nicht die geringste Schwierigkeit mehr verursachte und sie nach dem Gehör die verschiedensten Akkorde schon auseinanderzukennen vermochte; sie spielte mit richtigem Anschlag und gutem Ausdruck schon eine Anzahl hübscher kleiner Liedchen, Uebungen und Sonatchen, und als nun in der Musikschule der erste Musikabend, die sog. »Soiree«, herannahte, da konnte sie bereits zu denjenigen gezählt werden, welche ein hübsches Musikstück zum Vortrage bringen durften.

Diese erste Soiree sollte abends 6 Uhr beginnen; die ganze Schülerschar der Musikschule freute sich schon lange darauf und Aennchen hatte von den andern schon so viel erzählen hören, wie hübsch und unterhaltend es an solchen Abenden immer sei. Da wurden alle Eltern derjenigen Klassenschüler mit eingeladen, welche an dem Abend vorspielen durften, es wurde Thee gereicht und die Kleinen mußten sich da wie in einer richtigen Gesellschaft benehmen. Welch ein Ehrgeiz wurde da in den Kindern erweckt! jedes war bestrebt, an diesem Abend sowohl durch sein Spiel als auch durch sein gutes Betragen nur Ehre einzulegen!

Aennchen hatte bei Fräulein Tamann um die Erlaubnis ersucht, ihre Freundin Martha mitbringen zu dürfen; sie wollte ihr gern auch das Vergnügen gönnen, obschon das schüchterne Mädchen allerdings nur schwer zu überreden war, sich mit in den Kreis all der andern frohen Kinder zu mischen; sie war im größeren Kreise immer ängstlich und scheu, da sie stets fürchtete, wegen ihres Gebrechens verhöhnt zu werden. Aber im Hause Fräulein Tamanns brauchte sie keine Furcht zu hegen, daß die Kinder in Unart und Uebermut ausarten könnten; dort waren alle liebenswürdig und jedes darauf bedacht, sich so fein und gesittet als möglich zu benehmen.