So gestaltete sich dieser Abend für die beiden Mädchen denn auch zu einem höchst vergnüglichen. Aennchen erntete viel Lob, als sie ihr Musikstück hübsch und fehlerfrei vorgetragen hatte. Nachdem alle Kinder ihre Vorträge beendet hatten, wurden für Groß und Klein Thee und Süßigkeiten herumgereicht und alle durften sich nach Gefallen Plätze suchen, schwatzen und lachen. Das war nun eine Fröhlichkeit in der kleinen Schar; sie saßen dicht gedrängt auf den niederen Samtsofas die Wände entlang, hielten ihre Theetassen, wie die großen Damen, in der linken Hand und dabei schwatzten all die vielen kleinen Mündchen unaufhörlich. Ein kleiner sechsjähriger Knabe war dabei, er hieß Fredchen, der glaubte, für die Unterhaltung allein sorgen zu müssen; in höchst drolliger Weise geberdete er sich wie ein Kavalier, trug den kleinen Damen die leeren Theetassen fort, erzählte ihnen lustige Geschichtchen und es war zuletzt ein Gelächter und Gekicher unter allen, daß Fräulein Ina neugierig herzukam und fragte, was es denn so Lustiges gebe?

»O, Fräulein Ina,« sprach Aennchen lächend, »Fredchen hat gerade erklärt, wenn er groß sei, wolle er uns alle miteinander heiraten, aber wir müßten ihm dann den ganzen Tag ›Wer will unter die Soldaten?‹ vorspielen.«

»Fräulein Ina aber will ich aber zuerst heiraten, denn sie hat so schöne Kleider an und ist so arg lieb!« rief der komische kleine Schelm und versuchte an der jungen Lehrerin hinaufzuklettern; er wäre wohl am Ende noch gar zu übermütig geworden, wenn die Soiree nicht ihr Ende erreicht hätte und die verschiedenen Mamas mit ihren Kindern aufgebrochen wären. Aber noch lange schwärmten alle von dem schönen Abend und Aennchen konnte schon die nächste Soiree kaum erwarten.

Siebzehntes Kapitel.
Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr.

Was habe ich doch gestern für eine Freude gehabt! Wirklich, ich bin jetzt noch ganz aufgeregt, während ich es niederschreibe.

Wir waren, wie jeden Sonntag in diesem Jahr, alle mit einander zu unserem Landhäuschen »Glückesruh« hinausgepilgert. Freilich sagten wir uns unterwegs mit Bedauern, daß es nun wohl nicht oft mehr in diesem Jahre geschehen könne, denn es ist bereits der Spätherbst gekommen und dieser macht sich zuweilen schon recht fühlbar. Freilich, gestern war noch ein ganz köstlicher Tag, die Sonne schien so warm und golden, als dächte sie gar nicht daran, bald Abschied nehmen zu müssen, und der Weg über die abgemähten Felderstoppeln war so lustig, daß wir Kinder uns alle an der Hand faßten und im vollen Galopp über die Furchen jagten. Dann hingen sich uns die silbernen Marienfäden um die Gesichter, wir waren wie mit Schleiern umsponnen und spielten »Märchenfee.«

Und wie freuten wir uns alle, besonders aber meine liebe Martha, die immer vorauseilen wollte, auf unsere liebe, liebe Klara! Wir konnten es kaum erwarten, zu ihr zu kommen, da wir alle miteinander mit so inniger Liebe an ihr hängen. Keine versteht es, wie sie, uns schöne Märchen und Geschichten zu erzählen, keine nimmt mit so viel Geduld und Freundlichkeit all unsere kleinen Anliegen entgegen; bei niemand sind wir so artig und still, selbst die wilden Brüder sind in Fräulein Klaras Gegenwart immer wie ausgewechselt und man hört kein einziges wildes oder unbedachtes Wort von ihnen. Und seitdem sie nun so viel gesünder und kräftiger geworden ist, nimmt sie sogar ganz gern an unseren Spielen teil, wenn dieselben nicht zu wild sind; wir vergessen dann immer ganz, daß sie nicht auch ein Kind ist, wenn sie gar so herzlich lachen und sich mit uns freuen kann.

So beflügelten sich denn unser aller Schritte, als wir »Glückesruh« näher kamen – Martha war gar nicht mehr zu halten; sie sprang die Anhöhe vor uns hinauf, da hörten wir sie ganz glückselig rufen: »Klara, bist du es denn wirklich?« und als wir um die Ecke bogen, da trauten auch wir kaum unsern Augen, denn Fräulein Klara stand ganz gesund und frisch mitten im Weg und hielt die kleine Schwester umschlungen; sie hatte den Weg vom Häuschen her, der wirklich gar nicht so kurz ist, ganz allein zu Fuß zurückgelegt, um uns entgegen zu gehen! Das war nun ein Glück und eine Ueberraschung! Die Eltern und wir alle umringten sie jubelnd; Frau Pfarrer Traugott kam vom Hause auch herbei und vergoß Freudenthränen über die Genesung ihrer Tochter und dann schritten wir alle dem Häuschen zu. Ich durfte mit Fritz zugleich Fräulein Klara voranführen; wie glücklich und stolz fühlten wir uns! Ich mußte sie nur immer ansehen, so gut gefiel sie mir mit den zartrosa Wangen und dem feinen sanften Gesicht, um das die hellen Haare in schönen Wellen fielen. So könnte eine Fee ausgesehen haben aus den Märchenbüchern! Ach, und so lieb und gut war sie; wir durften ihr alles erzählen, was wir die Woche über erlebt hatten, und sie hatte dafür eine Menge Geschichten für uns bereit, die sie hier außen beobachtet hatte, von Bärbele und vom Hühnerhof und dem Ziegenbock, und dann hatte sie auch acht auf unsere verschiedenen Gärtlein gegeben, welche freilich jetzt leider schon anfingen, recht kahl zu werden. Keine Blume wollte sich mehr halten, auch die Blätter wurden welk, aber auf der Wiese sah’s lustig aus, da gab’s Herbstzeitlosen die Hülle und Fülle.

So verging uns denn der Vormittag in lauter Lust und Fröhlichkeit und nachmittags waren wir im warmen Sonnenschein alle zusammen auf dem großen Platz vor dem Hause. Fräulein Klara war in ihren Fahrstuhl gebettet, da sie hier die beste Bequemlichkeit hatte, und wir Kinder spielten alle miteinander Croquet, wenn wir auch freilich nichts Besonderes darin zu leisten vermochten; zumal die kleinen Brüder haben es noch zu keiner Geschicklichkeit gebracht und Hermännchen schleudert seine Kugel immer nach allen Richtungen hin, nur nicht nach derjenigen, welche sie nehmen soll. Eben hatte er wieder höchst unbedacht eine ganz falsche Kugel erwischt und wollte mit dieser seine Kunststücke beginnen, Fritz sprang dazwischen und packte ihn am Schopf, und es hätte vielleicht eine kleine Keilerei gegeben, die unter den Buben nicht selten ist, da rief Fräulein Klara aufhorchend: