»Ich höre einen Wagen fahren – es wird doch kein Besuch kommen?« Und richtig, soeben fuhr eine wundervolle elegante Equipage mit Kutscher und Diener in schöner Livree den Hof herein. Stumm vor Erstaunen, mit offenem Mund stand ich da und konnte nicht begreifen, wer das wunderfeine junge Mädchen war, welches mir schon von weitem aus dem Wagen so lebhaft zuwinkte. Der Wagen hielt und eine helle Stimme rief:
»Aennchen, kennst du denn deine Freundin Alma nicht mehr?«
Beim Himmel, dieses reizende junge Dämchen war Alma! Sie sah ja beinahe erwachsen aus in dem köstlichen Samtkostüm und Barett, die langen Haare flossen ihr wie ein Schleier den Rücken herunter; ich konnte nur stehen und sie anstaunen, während sie rasch aus dem Wagen sprang und auf mich zueilte. Aber wie sie mich so herzlich und stürmisch umarmte und an sich drückte, da erkannte ich doch meine liebe alte Alma wieder, die Schüchternheit verschwand und voll Jubel drückte ich sie an meine Brust! Es war mir freilich noch immer wie ein Traum, daß es wahr sein sollte und wir uns wieder hatten; ich stammelte ganz betroffen:
»Wo kommst du denn so überraschend hierher?«
»Direkt aus Italien!« lachte Alma fröhlich. »Papa hatte plötzlich eine große Sehnsucht nach Deutschland erfaßt; so wurde rasch alles gepackt und zur Abreise gerichtet. In wenigen Tagen waren wir hier; mein Fräulein trennte sich unterwegs leider von uns, da sie nach Hause berufen wurde und nicht mehr bei mir bleiben kann. Mein Papa hatte mir schon in Italien versprochen, sobald wir zu Hause wären, dürfte es mein Erstes sein, dich, liebes Herz, zu besuchen; so fuhren wir heute gleich nach eurem Hause, doch wurde uns gesagt, daß ihr hier außen zu finden wäret. Rasch wurde Kehrt gemacht und hierher gefahren und nun sind wir hier, alle miteinander, Papa, Peppino und ich. Aber wo ist Peppino, daß du ihn auch kennen lernst?«
Nun erst bemerkte ich, daß außer Alma noch andere Fremde im Wagen gekommen waren: ein vornehm aussehender Herr, welcher sich jetzt lebhaft mit den Eltern unterhielt, und ein junger Mann von etwas fremdartigem Aussehen, welchen Alma nun an der Hand ergriff und mir als ihren Bruder Peppino vorstellte. Ich wurde dunkelrot und verlegen, aber die beiden sprachen so unbefangen und heiter zusammen und Peppino wußte schon so viel von mir und meinem Leben, daß ich doch bald auch ganz vertraulich mit ihm wurde und anfing, tüchtig zu plaudern und zu lachen. So verging die Zeit wie im Fluge, Mama hatte für Thee und Kaffee gesorgt, und wir saßen alle zusammen im Kreise um den großen runden Tisch auf der Veranda, auch Fräulein Klara verweilte sehr glücklich unter uns und Herr von Stolzau hatte seinen Platz an ihrer Seite; da bemerkte ich auf einmal, daß meine Martha fehlte. Ich fragte nach ihr, niemand wußte etwas, sie war schon lang verschwunden! Unruhig stand ich auf, sie zu suchen; Alma rief mir nach:
»Halt, Aennchen, ich gehe mit dir!« und hing sich an meinen Arm, während ich im ganzen Garten nach Martha rief. Da fiel mir ein: sie wird wohl an ihrem Lieblingsplätzchen sein; das war eine lauschige entfernte Ecke, welche ganz zwischen Bäumen und Sträuchern verborgen war; eine einzige kleine Bank stand dort und schon längst hatte Martha sich diesen kleinen traulichen Platz als Lieblingsort ausgewählt. Als ich jetzt die Zweige des Gebüsches teilte, da saß sie richtig dort auf der Bank; sie hatte das Gesicht abgewandt in ihren Händen verborgen; als ich sie aber anrief, da sah sie zu mir auf – ihr ganzes liebes Gesichtchen war von Thränen überflutet.
»Martha, warum weinst du?« rief ich sie ganz erschrocken an. Da sprang sie auf und suchte zu entschlüpfen, ich aber umfaßte sie rasch und bat dringend:
»Du mußt mir sagen, warum du weinst! Hat dir jemand etwas gethan?«
»O nein, nein!« schluchzte sie, »aber – – –«