Achtzehntes Kapitel.
Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation.

Sehr lange Zeit kam ich nicht mehr dazu, in mein Tagebuch zu schreiben; ich hatte gar so viel anderes vor, diesen ganzen Winter. In der Schule gab es mehr als je zu lernen, nun das Ende des Schuljahres und die große Prüfung nahe war; kurze Zeit darauf sollte die Konfirmation stattfinden, so war denn meine Zeit vollauf mit Lernen und Vorbereitungen in Anspruch genommen. Als schönste Erholung dazwischen wurde mir aber dann gestattet, wöchentlich das Kränzchen mit meinen lieben Freundinnen Aennchen und Alma abzuhalten, und zwar hatten wir dafür den Sonntagnachmittag festgesetzt. Welch köstliche Stunden haben wir an diesen Tagen immer zusammen verlebt! wir freuten uns von Woche zu Woche darauf und einmal war es schöner und genußreicher als das andere Mal. Unser Zusammensein war nicht nur dem Vergnügen gewidmet; wir hatten immer eine Stunde für die Unterhaltung in französischer Sprache festgesetzt. Natürlich ist Alma darin unsere Meisterin, denn sie spricht französisch, als wäre es ihre Muttersprache, während wir andern oft nur recht kläglich zu stammeln vermögen; aber das giebt dann gerade den größten Spaß, und Alma hat so lange Geduld, bis sie uns die richtigen Sätze über das, was wir ausdrücken wollen, eingeprägt hat.

Die liebe Alma! Wie gütig und freundlich ist es von ihr, mich als Aennchens Freundin mit in den Kauf zu nehmen und zu ihrer Freundin zu machen! Ich hätte das nie zu hoffen gewagt! Sie ist sehr lebhaft und witzig, sehr glänzend und verwöhnt, dabei aber doch von Herzen gut und liebenswürdig. Früher in der Schule hatte ich immer Scheu vor ihr, da sah sie mit Hochmut über alle hinweg, welche es ihr nicht gleichthun konnten; mich selbst hatte sie nie beachtet. Aber sie ist vollständig verändert von der Reise zurückgekommen, wenn sie auch äußerlich noch dieselbe ist; nur noch viel reizender als früher, und sie sieht so erwachsen aus, daß sie immer für eine junge Dame gehalten wird. Ich rechne es ihr hoch an, daß sie es nicht verschmäht, aus ihrem glänzenden Schloß, so oft die Reihe des Kränzchens an mir ist, in unser kleines, enges Stübchen zu kommen, und wahrhaft merkwürdig ist es, daß sie behauptet, sich immer gerade da am wohlsten zu fühlen, weshalb mein Herzens-Aennchen schon einmal beinahe eifersüchtig geworden ist. Sie hängt mit einer schwärmerischen Liebe an meiner Schwester Klara und erscheint niemals, ohne ihr etwas Hübsches an Früchten und Blumen von ihrem Gute mitzubringen. Klara errötet dann immer vor Freude; anfangs war es ihr beinahe peinlich und sie fragte Alma, ob es ihr denn gestattet sei, das Treibhaus so zu plündern; doch Alma erklärte fröhlich, ihr Papa habe mit eigener Hand ihr immer die Blumen für Fräulein Klara abgepflückt und sie könne ihn ja selbst darüber befragen. Denn Herr von Stolzau unterläßt es selten, sein Töchterchen mit dem Wagen aus dem Kränzchen abzuholen, und es ist vorgekommen, wenn das Kränzchen in unserem Hause stattfand, daß er sich noch eine halbe Stunde hinsetzte und mit Klara unterhielt, sie in teilnehmendster Weise nach ihrer Gesundheit befragte und sich recht herzlich freute, daß es ihr fortwährend so gut geht. Denn gottlob, mein liebes, liebes Schwesterchen ist wirklich seit diesem letzten Sommer ganz gesund und kräftig geworden; sie fühlt keine Schmerzen mehr, kann täglich ein Stündchen ausgehen, sich zu Hause beschäftigen und ist darüber natürlich sehr glücklich und dankbar gegen Gott, der ihr dazu so gnädig verholfen hat. Und wie viele große Hilfe haben wir den gütigen Eltern meines lieben Aennchen zu verdanken – meiner armen Mama wäre es ja nicht möglich gewesen, einen solch langen herrlichen Landaufenthalt für meine leidende Schwester zu erschwingen. Jetzt ist es, als ob lauter Sonnenschein in unser Häuschen eingezogen wäre; der ganze lange Winter ging uns wie ein freundlicher Traum vorüber.

Auch in der Schule durfte ich viel Freude erleben. Die Lehrer sind alle so gütig gegen mich und haben mich zur Ersten der Klasse ernannt. Gleich nach mir kommt Aennchen, die es eigentlich noch viel mehr verdient hätte. Denn sie ist eine vortreffliche Schülerin und lernt so rasch und leicht, daß es oft ganz wunderbar ist, während ich mich oft viel mehr plagen muß. Bei der Prüfung erregte sie mit ihrem Aufsatz über Kaiser Barbarossa förmliches Aufsehen und erhielt eine Extrabelobung.

Zwischen der Schulprüfung und der Konfirmation blieben uns noch drei Wochen zur Vorbereitung für die Konfirmation. Aennchen und ich, welche den ganzen Unterricht miteinander genossen, verlebten auch diese letzte Zeit tagtäglich zusammen. Wir waren gegenseitig bemüht, uns auf den Ernst dieses wichtigen Schrittes würdig vorzubereiten, und als dann der heilige Ostertag herankam, an welchem wir das Gelübde ablegen sollten fürs Leben, da nahmen wir mit hohem Ernst die Gnade entgegen, als erwachsene Christen in die Gemeinschaft der andern aufgenommen zu werden. Der Spruch, welchen ich erhielt, lautete: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben!« und Aennchen bekam die Worte auf den Lebensweg: »Die Augen des Herrn sehen auf die, so ihn lieb haben!«

Wir waren beide zusammen vor den Altar geschritten. Mein schönes Aennchen, das so unbeschreiblich lieblich mit den hängenden Zöpfen in dem ernsten schwarzen Gewand aussah, hatte es nicht verschmäht, mit der mißgestalteten kleinen Freundin zu gehen, welche, ich bemerkte es gar wohl, die Blicke der meisten auf sich zog. Als ich mich darüber gegen Aennchen äußerte, meinte das liebe gute Kind: »Vor dem lieben Gott sind wir ja alle gleich und dein Herz in der unscheinbaren Hülle ist ihm sicher lieber als das meinige!« Ach, sie weiß doch immer einen Trost für mich!

Mittags waren wir alle zu Tisch in Aennchens Hause geladen, Mama, Klara und ich, auch Herr von Stolzau und Alma. Es war ein schönes erhebendes Festmahl; wir beiden Konfirmandinnen wurden als erwachsene Christen betrachtet und jedes sprach schöne gütige Worte mit uns. Aennchens Brüder wagten sich vor Respekt kaum an uns heran; selbst Alma erklärte, beinahe etwas Scheu vor unserer Würde zu empfinden.

Aennchen aber und ich waren den ganzen Tag von einem Gefühl dankbaren Glückes beseelt, und als ich mich am Abend niederlegte, da gelobte ich dem lieben Gott noch einmal im stillen, ihm »getreu zu sein und zu bleiben bis in den Tod.«