»Wirklich, selbstgebacken?« staunten die Freundinnen. »Alma, du willst uns bloß foppen. Deine feinen Fingerchen verstehen doch dergleichen nicht.«

»Sicher haben diese zehn Finger den Teig selbst geknetet,« rief Alma beteuernd aus, indem sie ihre niedlichen weißen Händchen emporstreckte. »Glaubt ihr denn, man vermöchte lang mit solch vortrefflichen Geschöpfen, wie ihr es seid, zu leben, ohne von dem ausgezeichneten Beispiel angesteckt zu werden? Ich habe mich tüchtig geschämt, als Martha neulich die süßen Kaffeeküchlein auf den Tisch brachte, welche sie selbst fabriziert hatte, denn ich hatte gar keine Ahnung, daß man das nur versuchen könnte. Da bin ich heute zu unserer Mamsell gelaufen und habe gebeten: ›Lassen Sie mich heute den Kaffeekuchen backen.‹ Denkt euch, Kinder, die Gute hat geglaubt, ich spreche im Fieber, und hat laut aufgeschrieen. Als sie aber dann endlich überzeugt worden war, daß es mir mit dem Vorhaben heiliger Ernst sei, da sind ihr vor freudiger Rührung die Thränen über die Backen gelaufen und sie hat sich alle Mühe gegeben, mir das Ding begreiflich zu machen. Freilich, es war nicht leicht; erst zerbrach ich ein halbes Dutzend Eier, dann schüttete ich die Rosinen ungewaschen in den Teig, dann ergriff ich anstatt des Zuckers das Salzfaß, und so war der erste Kuchen ›futsch.‹ Aber der zweite geriet um so besser und ihr seht das prächtige Resultat hier vor euren eigenen Augen.«

»Und ganz köstlich schmeckt er,« riefen die Freundinnen, bewundernd in die duftenden Kuchenstücke beißend. »Welche Freude wird dein lieber Papa haben, wenn er das erfährt.«

»Ja, er wird es kaum glauben können,« sprach Alma mit strahlenden Augen. »Der liebe, gute Papa sieht mich manchmal so traurig an und spricht: ›Mein armes kleines Mädchen muß sich so allein ohne Mutter behelfen, da wird es schwer fürs Leben tauglich werden.‹ Ich bemühe mich ja redlich, ihm ein sorgendes Hausmütterchen zu sein, aber ich sehe leider nur zu deutlich, das ihm die rechte Behaglichkeit doch fehlt, wenn er auch freilich in seiner Güte recht zufrieden mit mir ist und sich noch nicht von mir zu trennen vermochte, trotzdem er den Hausunterricht, welchen ich dieses halbe Jahr hier außen empfing, für ungenügend erklärte. Und so wird’s wohl in einigen Wochen Ernst werden, ihr Lieben, Papa hat schon an die Pensionsvorsteherin nach N. geschrieben, in deren Haus ich kommen soll.«

»Alma, weißt du denn schon, daß auch ich zu gleicher Zeit mit dir in die Pension kommen werde?« rief Aennchen lebhaft. »Mama hat es mir allen Ernstes nach der Konfirmation eröffnet, und wenn mir der Gedanke, das Vaterhaus zu verlassen, auch ein recht schmerzlicher war, so ist es mir doch auf der andern Seite ein Trost, mit dir, du Liebe, zugleich in ein Institut zu kommen.«

»Und ich bleibe ganz allein,« murmelte Martha traurig. »Wie schmerzlich werde ich euch entbehren!«

»Armes, liebes Herz!« rief Aennchen, sie lebhaft umarmend. »Kannst du deine Mutter nicht auch bitten, dich mit uns zu lassen?«

»Nein, das würde ich nie,« versetzte Martha rasch und fest. »Erstens brächte ich es nicht übers Herz, mich von meinem lieben Mütterchen zu trennen, und dann gestatten unsere Verhältnisse es auch gar nicht, mich eine solch kostspielige Pension besuchen zu lassen. Mein Weg, der mir vorgezeichnet ist, wird ein ganz anderer sein. Nach dem Verlassen der Schule werde ich zum Lernen in eine Frauenarbeitsschule geschickt, dort kann ich in vierteljährigen Kursen alles durchmachen, was mich später zu einer Handarbeitslehrerin befähigt – im ersten Kurs Handnähen, im zweiten Maschinennähen, dann Kleidermachen, dann Sticken u. s. w. Habe ich dann alles so gründlich erlernt, daß ich am Schluß ein vorzügliches Zeugnis davontrage, dann braucht es mir nicht bange zu sein vor der Zukunft; ich kann dann mit Gottes Hilfe meinem Mütterchen eine gute Stütze werden.«

»Du beschämst uns alle, du Gute,« sprachen Aennchen und Alma, indem sie dem verkrüppelten Mädchen, welches so bescheiden dasaß und deren ganzes Leben nur aus Pflichterfüllung bestehen sollte, die Hände reichten; dann fragte Aennchen, auf ein anderes Thema überspringend:

»Was schreibt dein Bruder Peppino aus der Stadt, Alma?«