»Die glücklichsten, zufriedensten Briefe,« war die rasche Antwort. »Er ist auf dem Münchener Gymnasium und seine Lehrer rühmen ihn alle als ihren fleißigsten, begabtesten Schüler, welcher rastlos vorwärts strebt. Seine ganze Zeit füllt er mit Lernen und Zeichnen aus, ihr glaubt nicht, wie weit er es darin schon gebracht hat. Sein höchster Wunsch ist, Maler zu werden; Papa ist aber dafür, daß er erst tüchtig die Wissenschaften studiere, bevor er in die Kunstschule übergeht. Peppino ist ein gar zu lieber braver Mensch, es vergeht kein Tag, an welchem er nicht seinem fernen Schwesterlein ein paar Zeilen schreibt, und meistens legt er auch einige niedliche Handzeichnungen bei. Erst heute morgen kamen wieder mehrere Skizzen an – soll ich sie euch zeigen?«

Alma wollte aufspringen, Martha aber hielt sie zurück, indem sie sagte:

»Später, liebes Herz; jetzt haben wir wirklich so viel geplaudert, daß wir ganz darauf vergessen haben, daß wir nicht nur zum Vergnügen beieinander sind, sondern auch Französisch treiben müssen. Und es ist die höchste Zeit für heute, das Versäumte nachzuholen, darum wollen wir rasch beginnen.«

Es sollte aber heute doch nicht zum richtigen Ernste mehr kommen, denn in demselben Moment hörten die Mädchen einen Wagen in den Hof fahren und Alma rief aufspringend: »Der Vater kommt! Nun hat er mir sicher die Ueberraschung mitgebracht! Ich kann es kaum mehr erwarten!«

Und vor Erwartung beinahe zitternd, schaute sie von ihrem Platz hinüber nach dem Weg, auf welchem der Erwartete herankommen mußte; die beiden andern Mädchen, kaum minder neugierig als sie, thaten desgleichen. Und wenige Augenblicke waren vergangen, da zeigte sich wirklich Herr von Stolzaus Gestalt zwischen den Büschen, aber nicht allein, denn er führte eine schlanke Dame am Arme, welche allen merkwürdig bekannt und vertraut schien.

»Klara! wie kommt Klara hierher?« murmelte Martha überrascht und zweifelnd; Alma aber sprang auf ihren Vater zu und rief:

»Papachen, süßes Papachen, was hast du mir Lebendiges mitgebracht?«

»Du siehst es hier vor dir, mein Kind!« erwiderte Herr von Stolzau freudig, dessen sonst so ernste Züge einen ganz glückstrahlenden Ausdruck zeigten. »Rätst du es nun noch immer nicht, was ich dir mitgebracht habe? Eine liebe, neue Mama!«

»Eine neue Mama!« Alma wiederholte es fast wie im Traum; sie konnte das Wunder kaum begreifen; plötzlich aber jauchzte sie auf: »Eine neue Mama habe ich bekommen und diese wird meine liebe, liebe Klara sein – o, das ist zu viel, zu viel des Glücks!«

Und aufschluchzend vor Freude hing sie bald der neuen Mutter, bald dem Vater am Hals, während die beiden andern Mädchen noch ganz fassungslos dabei standen und kaum begriffen, was um sie her vorging.