»Nun, Marthchen, was sagst du dazu, wenn ich dich verlasse, um die Mutter deiner Freundin zu werden?« frug da auf einmal die süße Stimme Klaras zu Martha gewandt, und sie streckte ihr beide Arme entgegen. »Bist du es zufrieden, allein bei Mütterchen zu bleiben und ihr die fehlende Tochter mitzuersetzen, und freust du dich meines Glückes?«
»Es ist zu groß das Glück, als daß ich es so schnell zu fassen vermöchte,« sprach Martha mit bebender Stimme, sich an die geliebte Schwester schmiegend, und dann flüsterte sie leise:
»Weiß es denn Mütterchen schon?«
»Freilich weiß sie es; sie gab uns freudig ihren Segen und hat uns auch hier heraus begleitet, nur ließ sie uns allein, bis die Ueberraschung hier bei euch gelungen wäre. Jetzt aber wollen wir wieder zu ihr eilen.«
»Und ich muß der künftigen Herrin des Schlosses auch das Heim zeigen, in welchem sie regieren soll,« sprach Herr von Stolzau, seiner Braut sorgsam den Arm bietend und sie nach dem Schlosse hingeleitend, während die drei jungen Mädchen freudestrahlend folgten.
Zwanzigstes Kapitel.
Ein überraschender Besuch.
Zum letztenmal vor der Abreise der Freundinnen sollte das Kränzchen bei Martha stattfinden. Diese hatte mit gar schwerem Herzen ihren Hausgarten, wie sie die Terrasse nannte, heute festlich geschmückt, an der Thüre prangte ein mächtiges, von Blumen umranktes »Willkommen.« Zum erstenmal in diesem Jahr war das Wetter schön genug, um diesmal bei Martha im Freien zusammenkommen zu können, zum erstenmal, aber ja leider auch zum letztenmal! So legte sie denn unter Seufzen und heimlichen Thränen das selbstgestickte schöne Gedeck und den weißen Tischläufer auf, welchen sie mit roter Baumwolle in Stilstich mit allerlei Arabesken so kunstreich verziert und mit selbstgehäkelten Spitzen versehen hatte. In die Mitte der Tafel stellte sie eines der schönen Blumenbouquets, deren ihre Schwester Klara täglich von Herrn von Stolzau eines gesandt bekam, und als sie gerade mit allem fertig war und ihr Werk noch einmal prüfend betrachtete, da flogen auch schon die Freundinnen herein und es gab eine Begrüßung, als ob man sich seit Jahren nicht mehr gesehen hätte. Bald saß Alles in fröhlichster Eintracht um den hübsch gezierten Tisch herum; Alma hatte sich natürlich ihren Lieblingsplatz neben ihrem »lieben Mütterchen,« wie sie Klara mit Vorliebe schon jetzt nannte, genommen und beinahe beständig hielt sie eine von deren weißen, schmalen Händen liebkosend an sich gedrückt, als ob sie fürchtete, sie ihr entrissen zu sehen. Auch Klara dachte mit aufrichtigem Schmerz daran, das geliebte Kind so bald verlieren zu müssen, und hielt jede kostbare Minute fest, in der sie noch mit Alma zusammensein konnte. Sie besaß eine so merkwürdige Macht über deren Gemüt, wie es noch niemand vor ihr besessen hatte – in Klaras Gegenwart war Alma eine vollständig andere Natur, hier schien sie nichts als das sanfte bescheidene Kind, welches zu Füßen der Mutter Schutz sucht.