Natürlich drehte sich heute das Hauptgespräch um die nächste Zukunft der beiden Institutselevinnen, welche schon mit allen ihren Gedanken halb in der künftigen Sphäre waren und deren Phantasie sich lebhaft damit beschäftigte, wie es in dem Institut wohl aussehen möge, ob es ihnen gelingen werde, die Vorsteherin zufrieden zu stellen, und welcher Art ihre künftigen Genossinnen sein würden. So war denn der Gesprächsstoff darüber noch niemals ausgegangen und auch jetzt war man in den wichtigsten Debatten; da störte plötzlich ein auf der Straße entstehendes dumpfes Geräusch die Aufmerksamkeit und neugierig sprangen Aennchen und Alma sogleich von ihren Sitzen, um nachzusehen, was es wohl da unten zu schauen gebe.

Eine größere Menschenmenge, meist aus Kindern bestehend, war um eine elegante Hotelequipage versammelt, welche unten vor der Thür des Hauses hielt und die Insassen derselben, welche sich nach einigen Erkundigungen soeben zum Aussteigen anschickten, mochten es wohl gewesen sein, welche das Aufsehen hervorgerufen hatten. An der Hauptperson, einem sehr jungen Mädchen, war allerdings nichts Auffälliges zu bemerken, als daß ihre Kleidung einen beinahe männlichen Schnitt besaß, indem diese aus einem kurzen schwarzen Jacket mit Herrenkragen und Kravatte und einem glatten schwarzen Rock, ferner einem kleinen Herrenhütchen bestand.

Um so seltsamer stach die Begleiterin der jungen Dame von derselben ab, denn sie war so bunt als möglich gekleidet in kostbare rote und schottisch-seidene Stoffe. Um den Kopf trug sie ein fremdartig buntes Tuch gewunden und darunter schaute ein dunkles Mulattenantlitz hervor mit schwarzen blitzenden Augen und dunkelroten Lippen, durch welche die weißen Zähne glänzten. Es war ein seltsam schönes Gesicht, das aber in dieser Umrahmung noch doppelt überraschend wirkte, zumal die fremdartige Erscheinung noch aufs reichste mit allerlei Ketten und kostbaren Perlenschnüren behangen war und außerdem noch ein kleines Aeffchen und einen Papagei neben sich auf dem Sitz hatte, welch letzterer beständig in englischer Sprache schwatzte und schrie. Beim Aussteigen jetzt belud sie sich sowohl mit dem Käfig als mit dem kleinen Affen, unbekümmert um das Gaffen und die lauten Bemerkungen der übermütigen Gassenjugend – sie schritt mit fremdartiger Grandezza ihrer Gebieterin nach, welche mit etwas herrischem Ton sich nach der Wohnung der Frau Pfarrer Traugott erkundigt hatte und jetzt unten durch die Thür des Hauses trat.

»Ist’s möglich?! Die merkwürdigen Gäste wollen zu euch, Martha – ich habe es ganz deutlich gehört!« rief Aennchen, förmlich atemlos vor Erstaunen. Doch die Frau Pfarrerin schüttelte ungläubig den Kopf –:

»Du wirst dich wohl getäuscht haben, mein Kind,« sagte sie, »was hätten die Fremdlinge bei uns hier zu suchen?«

Allein schon nahten sich laute Schritte auf der Treppe von außen her und nach einem raschen Klopfen öffnete sich die Thür, unter deren Rahmen richtig die Fremden von der Straße unten erschienen.

Aufs höchste verdutzt, starrten die Anwesenden die Eintretenden an, dann rief die Frau Pfarrerin ungläubig und zögernd aus:

»Täusche ich mich oder bist du’s wirklich, meine Nichte Ellen?«

»Ja, ich bin Ellen Trustgod!« gab die junge Dame in etwas gebrochenem Deutsch rasch zurück, »und war schon vor Jahren einmal als Gast hier in deinem Hause zugleich mit meinem Vater. Jetzt ist mein Vater tot,« ein leises Schluchzen bewegte ihre Stimme, »und ich komme in seinem Auftrag, dir seine letzten Grüße zu überbringen.«

»O du armes, armes Kind!« rief die alte Dame tief erschüttert aus, ein Thränenstrom brach aus ihren Augen und schluchzend zog sie die junge Mädchengestalt in ihre Arme. »So ist mein armer Bruder wirklich in der Fremde gestorben und du, mein Kind, bist eine alleinstehende Waise!«