Auch dem jungen Mädchen wurden die Augen feucht, es unterdrückte aber mit einer gewaltsamen Anstrengung die Bewegung, als schäme es sich, seinen Schmerz zu zeigen – so war es wirklich ein merkwürdiger Anblick, dies blutjunge Geschöpf mit den streng geschlossenen Lippen neben der fassungslosen alten Frau zu sehen. Auch Klara und Martha hatten mit schmerzlicher Teilnahme von dem traurigen Schicksale des Onkels vernommen und eilten herzu, die fremde Cousine zu begrüßen und mit den Freundinnen bekannt zu machen: auch Ellen dachte nun wieder an ihre im Hintergrund harrende Begleiterin und stellte diese als ihre Freundin und treue Gefährtin Olivia Ricardo vor. Dieselbe sei von ihrer frühesten Kindheit an ihre Gefährtin auf der Farm gewesen und habe sie auch seit dem Tod ihres Vaters keinen Augenblick verlassen und sich trotz der Furcht, welche sie vor dem Wasser hege, entschlossen, sie hinüber nach Deutschland zu begleiten.

»Unter wessen Schutz habt ihr armen Kinder die weite Reise über Hamburg bis hierher zurückgelegt?« frug die Tante, als man sich gesetzt hatte, während Martha eifrig von neuem Kaffee einschenkte und Kuchen anbot.

»Wir sind ganz allein gereist – was hätten wir auch des Schutzes bedurft? Ich bin gewohnt, mir allein zu helfen,« gab Ellen in beinahe verwundertem Ton und mit solcher Entschiedenheit zurück, daß alle dies junge merkwürdige Mädchen ganz verdutzt anstarrten.

»Jetzt aber wirst du wohl bei uns bleiben und gerne werde ich an der armen Waise meines Bruders Mutterstelle vertreten,« sprach die Tante, indem sie der Nichte die Hand entgegenstreckte. Diese schlug halb zerstreut ein.

»Verzeih, liebe Tante,« sprach sie entschieden, »wenn ich von deinem freundlichen Antrag keinen Gebrauch mache, aber ich habe bereits meinen Lebensplan festgesetzt. Ein Freund meines Vaters, welcher in der Residenz Verbindungen hat, hat für mich dort ein hübsche Villa mit Garten gekauft, dort werde ich mit meiner Olivia leben – wenn ihr mich aber dort besuchen wollt, werdet ihr mir immer liebe Gäste sein.«

»Aber das ist ja ganz unmöglich, Kind, daß dies dein Ernst sein sollte,« rief die alte Dame ganz erschrocken aus, »du kannst doch nicht daran denken, allein leben zu wollen, kaum 14 Jahre alt und ohne allen Schutz!«

»Ich habe ja den Schutz meiner Olivia und einer treuen Dienerschaft,« erwiderte Ellen beinahe etwas gereizt, »wer sollte mir da etwas anhaben können!«

»Aber, was würde die Welt dazu sagen!« rief die Tante lebhaft.

»Die Welt?« wiederholte Ellen, indem ein hochmütiges Lächeln ihre Lippen teilte. »Ich bin es nicht gewohnt, nach dem Urteil der Welt zu fragen und mich deren engherzigen Begriffen unterzuordnen, welche besonders hier in der alten Welt von einer beinahe lächerlichen Beschränktheit sein sollen. Ich habe mich gewöhnt, mir selbst Richter zu sein und einzig meiner eigenen Person Rechenschaft über mein Thun und Lassen abzulegen. Wenn ich also in der Zurückgezogenheit meines eigenen Hauses meinen Studien lebe und mir als einzige Erholung nur die gewohnten Ritte ins Freie gönne, so ist niemand berechtigt, mein Thun anzutasten oder Tadel daran zu finden. Bei uns in Amerika hat die Frau ebenso wie der Mann das Recht, über ihr Schicksal zu bestimmen.«

»Aber du bist keine Frau, sondern ein Kind!« rief die Pfarrerin ganz entsetzt aus, indem sie sich erregt von ihrem Sitz erhob. »Ich kann doch unmöglich zugeben, daß meine einzige Nichte sich meinem mütterlichen Schutze ganz entziehen will. Ich werde keine ruhige Stunde haben, dich so allein zu wissen.«