»Aber Tante, du wirst doch nicht komisch sein wollen?« rief das junge Mädchen, von ihrem gehaltenen Ernst jetzt plötzlich in Lustigkeit umspringend und die alte Dame umfassend. »Glaube mir, du und die Cousinen, ihr werdet noch staunen, wie gut ich mich in das neue Leben hineinfinden werde, und ich lade euch alle zu Besuch in meine Villa ein. Dann können wir das Wiedersehen recht gründlich erneuern; für heute muß ich leider gleich wieder Abschied nehmen, da ich eilen muß, nach der Residenz zu kommen, um mit meinem Baumeister und verschiedenen Handwerkern zu verhandeln.«

»Also wirklich ist es dein unabänderlicher Entschluß?« frug die alte Dame ganz bekümmert; sie fühlte sich, wie auch alle die anderen, durch das überlegene Wesen der jungen Amerikanerin so gedrückt, daß sie an keinen Widerspruch mehr dachte, und so sah sie nur mit stummer Verwunderung, mit welcher Sicherheit Ellen ihre Befehle an ihre Gefährtin erteilte, welche in vollständigem Schweigen die ganze Zeit über verharrte und sich nur mit dem Papagei und dem Aeffchen beschäftigt hatte, während ihre blitzenden Augen von einem der Anwesenden zum andern flogen. Jetzt bepackte sie sich wieder mit ihren Lieblingstieren, während Ellen Abschied von ihren Verwandten nahm, auch Alma und Aennchen freundlich die Hand schüttelte und diese, als sie hörte, daß die Residenz M. in kurzem deren Aufenthaltsort werden solle, herzlich einlud, sie in ihrem Hause zu besuchen.

Gleich darauf verschwand sie mit ihrer Begleiterin durch die Thür, alle andern in einer leicht begreiflichen Aufregung und Verblüfftheit zurücklassend. Der Frau Pfarrerin zitterten ganz die Kniee, so sehr hatte sie das eben Vernommene angegriffen, und ihre Töchter hatten lange zu thun, die bekümmerte Mutter über den Gedanken zu beruhigen, daß die Tochter ihres Bruders ein so emanzipiertes Mädchen geworden sei.

»Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand, Mütterchen, Ellen von ihrem Vorsatz abzuhalten,« tröstete Klara, »nun liegt dir auch jede Verantwortung fern und es bleibt uns nichts übrig, als das verblendete Wesen Gottes Schutz zu empfehlen.«

»Ja, das wollen wir,« bestätigte die alte Dame einigermaßen getröstet, aber es lastete doch seitdem wie ein geheimer Druck auf ihr und so beeilten sich die Gäste, Alma und Aennchen, die aufgeregte Familie lieber allein zu lassen. So hatte dies letzte Beisammensein in Marthas Hause heute einen unerwartet trüben Abschluß erhalten, der noch lange Zeit nachher die Gemüter Aller beschäftigte.

Einundzwanzigstes Kapitel.
Schluß.

Mehrere Wochen später war eine große Gesellschaft auf dem Bahnhof der Stadt um zwei junge Mädchen in niedlicher Reisekleidung versammelt, welche der nächste Eilzug in wenigen Minuten entführen sollte. Es waren Aennchen und Alma, beide von ihren Familien begleitet; außerdem hatte sich natürlich auch Martha, die unzertrennliche Freundin der beiden, eingefunden und deren Mutter. Herr von Stolzau führte die zarte Klara am Arme, welche das geliebte Stieftöchterchen mit Thränen scheiden sah; sie hätte so gerne gewünscht, sie hier zu behalten, doch hatte Almas Vater es für besser gefunden, dieselbe, wie bereits früher beschlossen gewesen, wirklich in die Pension zu senden – in einem halben Jahr sollte sie einmal auf einige Tage zurückkehren dürfen, um der Vermählung des Vaters beizuwohnen. Für heute aber galt es nun, ernstlich Abschied zu nehmen – der Zug pfiff, es war höchste Zeit einzusteigen, und kaum waren sie im Waggon, so läutete die Glocke zum zweitenmale.

In Thränen aufgelöst, hing Martha an Aennchens Halse.

»Gelt, Liebling, du vergißt mich nicht?« schluchzte sie immer und immer wieder.