»Gewiß, Liebling – nun lauf' schnell zu Friederike!«
»Also doch noch! Trotz meines Verbots! Wie oft habe ich dir gesagt: ich wünsche nicht, daß mein Kind mit solchen Faseleien großgezogen wird! Gebete! Das sind Dinge, die ihm das Hirn umnebeln, es untüchtig fürs Leben machen, jeden klaren Begriff verwirren. Mein Kind soll einen gesunden Verstand haben. – Du aber untergräbst ihn geflissentlich, wenn du ihn mit Vorstellungen nährst, die mit dem realen Leben kein Jota zu thun haben!«
»Müssen wir all' diese Dinge hier im Garten verhandeln? Es könnte uns doch jemand hören –«
»Unnötig, mich darum zu warnen! Ich sagte es dir schon zuvor: das ganze Haus ist wie ausgestorben, sie sind bei dem herrlichen Wetter alle noch zum Spaziergang hinaus, die Wirtin hat es mir selbst gesagt – sie soll das Abendessen deshalb später auftragen. Morgen früh um fünf gehen wir mit Rothes zur Wendel-Alp hinauf, rüste nur dein Bergkostüm. Möchtest du dich jetzt fertig machen, und mit mir kommen?«
»Verzeih' mir, Udo – – nein! Ich muß wiederholen: ich bin es nicht imstande, heute unter fremden Menschen zu sein und ein fröhliches Gesicht zu zeigen!« Die Stimme Frau Melittas klang bei aller Sanftmut fest und sicher.
»Sagte ich dir nicht, ich hätte es Rothes versprochen, daß du mit mir kämest?«
»Ja, du hast es gesagt, aber du hättest dies in meinem Namen nicht versprechen dürfen. Entschuldige mich bei deinen Freunden, sage, mir sei nicht wohl! –«
»Das würde eine Lüge sein!«
»Doch nicht! Mir thut der Kopf weh vom Weinen!«
»Darf ich um deinen Puls bitten? – Völlig normal! Dies Kopfweh kenne ich – es hat seinen Sitz im Eigensinn!«