»Natürlich weiß ich es – und glaubst du, ich hätte nicht daran gedacht? Es fiel mir sogar ein, während Rothe mich aufforderte, zum »schwarzen Lamm« zu kommen. Absichtlich habe ich auch für dich zugesagt – ich habe es mir fest vorgesetzt, es soll endlich einmal bei dir aufhören mit dieser ewigen Gefühlsschwelgerei!«
»Ein seltsamer Name für die tiefste und naturgemäß berechtigteste Empfindung!«
»Der einzig richtige Name! Naturgemäß berechtigt, sagst du? Durchaus nicht! Unser Verhältnis zu Siegmund war genau dasselbe, und siehst du mich etwa, gleich dir, in diesen haltlosen Schmerz versinken? Hätte die Natur dies vorgeschrieben, ich würde es zugestehen – so kann ich nur sagen: es ist ein individuelles Gefühl, das jeder von uns hegt –«
»Und wenn du deiner Individualität Berechtigung zugestehst, warum nicht der meinen?«
»Laß mich ausreden, Melitta, du weißt, ich kann es nicht vertragen, unterbrochen zu werden! Individualität! Du meine Zeit!« Die Stimme des Mannes nahm wieder den Ton herablassender Milde an, wie wenn er ein unvernünftiges Kind zurechtzuweisen hätte, »du bist ja eine Frau – noch dazu eine junge und schöne Frau – du stehst nicht im Kampf mit dem Dasein, wie leider heute so viele deines Geschlechtes. Ich habe dich gewählt, jung und bildungsfähig, wie du warst, ich sorge für dich, ich war und bin redlich bestrebt, deinem Wesen diejenige Form zu geben, die ich als richtige erkannt – ein Streben, in welchem deine bisherige Erziehung mir leider nicht im geringsten vorgearbeitet hatte – wie kann da von Individualität deinerseits die Rede sein? Eine Frau, die, wie du, so jung in die Hände eines Mannes gerät, wie ich, hat durch ihn allein ihr Gepräge zu empfangen, und sollte es dankbar empfinden, wenn er sich unermüdlich dieser Aufgabe hingiebt, obgleich die Resultate ungleich geringer sind, als sich vor Jahren annehmen ließ. – Und jetzt genug davon. Erna, geh' zu Friederike hinein, sie soll dir dein Abendbrot geben.«
»Aber Mama hat doch erlaubt, ich darf noch dableiben, bis –«
»Noch ein Wort des Widerspruchs, und du gehst ohne Abendessen ins Bett. Ich denke, du weißt, wem du zu gehorchen hast. Küß' deiner Mutter die Hand und geh'!«
Wieder eine kurze Stille, dann wurde das bekümmerte, thränenschwere Stimmchen des Kindes laut, das, nach einem aus tiefster Brust hervorgeholten Seufzer: »Gut' Nacht, Mutterle!« sagte.
»Gute Nacht, mein Herzenskind, schlaf' süß!«
»Kommst du auch noch an mein Bett beten, gelt?«