»Und du weinst auch nicht wegen Erna – gelt?«
»Nein, meine Kleine, du bist heut' gut und artig gewesen!«
Eine Weile blieb es still unten im Garten. Dann knisterte der Kies unter einem festen Männertritt, und eine sonore Stimme sagte: »Guten Abend, Litta. Wie, ganz allein? Und Thränen? Das ist doch wirklich kindisch – geradezu kindisch von dir! Als ob das Weinen einen anderen Zweck hätte, als den, dir deine schönen, gesunden Augen gründlich zu verderben!«
»Zuweilen erleichtert es das Herz!«
»Das ist eine Phrase, mein Kind, nichts weiter, als eine althergebrachte thörichte Phrase – du denkst dir doch entschieden selbst nichts dabei, gesteh' einmal offen! Wann wird doch die Zeit kommen, da es mir gelungen ist, dich zu einer wahren Philosophin zu erziehen, die sich unbefangen des Gegebenen freut und es aufgiebt, um Verlorenes zu trauern?«
»Vielleicht niemals!«
»Wenn du fortfährst, in diesem sentimentalen und weinerlichen Ton zu mir zu sprechen, müssen wir unser Gespräch abbrechen!« Die Stimme des Mannes wurde hart und kalt. »Ich meine, du müßtest mir Dank wissen und einsehen lernen, daß ich dein Bestes wünsche. Du hast normale Geistesgaben, die zu entwickeln mir ein Genuß sein würde, aber das Gefühlsleben überwuchert alles andere bei dir in einer Weise, daß es mir faktisch oft unmöglich ist, mit vernünftigen Begriffen dir gegenüber zu operieren. Was ich sagen wollte … deine Thränen haben mich auf einen total anderen Gedankengang geführt … ich komme dich abholen. Das ganze Haus ist wie ausgestorben, alle sind zum Spaziergang fort – es ist prächtig draußen. Ich habe meinen alten Universitätsfreund Rothe zufällig auf meiner Wanderung getroffen, er ist seit heute früh mit Frau, Bruder und Schwiegereltern hier – der alte Kerl freute sich wie ein Spitz, mich zu sehen. Wir haben im »schwarzen Lamm« ein fideles Beisammensein verabredet, werden eine Bowle aufsetzen – es wird urgemütlich sein! Unser Abendessen hier im Pensionat habe ich schon bei der Hauswirtin abbestellt – Friederike wird Erna allein abfüttern. Ich habe alles vorgesorgt – du hast einfach deinen Hut zu nehmen und mitzukommen!«
Es trat eine Pause ein. Dann kam die weiche Stimme der jungen Frau schüchtern wieder.
»Es ist mir so leid, Udo, dir nicht den Willen thun zu können – du weißt ja, ich füge mich immer sonst … immer! Aber diesmal heute – bitte, geh' allein! Ich kann heute nicht unter fremden Menschen sein – kann auch nicht lachen und froh erscheinen; es wäre eine erbärmliche Komödie. Du hättest es bedenken können – du weißt recht gut, daß heute der Tag ist, an dem« – – – sie konnte nicht weitersprechen.
Doktor Schott bohrte mit dem Stock so heftig in den Boden, daß der Kies umherstob.